Gängeviertel: Studierendenproteste und Springerblockade

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„Unter den Talaren – Muff von 1000 Jahren“: Die studentischen Proteste haben in der Hansestadt 1968 nicht nur in den Vorlesungssälen an der Universität Hamburg stattgefunden. Spätestens die Erschiessung des Studenten Benno Ohnesorg durch einen Polizisten führte zu regelrechten Straßenschlachten und Attacken auf die Druckerei und die Redaktion der Bild-Zeitung.1Hoffmann, Timo: Die Polizisten haben geprügelt wie blöd, in: https://www.sueddeutsche.de/politik/tod-benno-ohnesorgs-die-polizisten-haben-gepruegelt-wie-bloed-1.301316 Christian hat die Wut der Studierenden und Bürger*innen auf den Straßen des Gängeviertels miterlebt. Zuerst lief er nur mit, später wurden die Proteste zu einem Schlüsselerlebnis für sein weiteres Leben.


Untenstehend findet ihr das Transkript unseres Gesprächs mit Christian zum Thema „Studentenproteste und Springerblockade im Gängeviertel“

Über das Gängeviertel wurde natürlich viel gesprochen, seit die Studentenbewegung die Konflikte mit dem Springer-Verlag hatte. Das begann ja mit dem Attentat auf [Rudi] Dutschke, Ostern ’68 und seitdem ist das Gängeviertel über viele Monate und eigentlich auch im Folgejahr kaum zur Ruhe gekommen. Und es war natürlich auch immer in der Presse präsent, Fotografen waren da und die Journalisten haben sich die Finger wund geschrieben über die böse Studentenbewegung. Und insofern war das Gängeviertel vielleicht so eine Art exotischer Ort für den Rest von Hamburg.

In die Springer-Blockaden in Hamburg bin ich reingeraten vollkommen unvorbereitet eigentlich. Ich war noch ganz neu an der Uni, es war mein erstes Semester und ich war vorher bei der Bundeswehr gewesen und kam aus einem ganz anderen Lebensumfeld, wobei ich allerdings schon bei der Bundeswehr versucht hab‘ den Kriegsdienst zu verweigern, was aber nicht gelang, das war damals nicht so einfach und ich ärgerte mich immer unheimlich darüber, dass meine früheren Mitschüler in der Studentenbewegung aktiv waren und ich war bei der Bundeswehr. Deswegen war für mich, als ich das Studium angefangen hab‘ es sehr wichtig, subjektiv sehr wichtig, mich da hineinzubegeben und mitzumachen. Mitzumachen sage ich ganz bewusst, weil ich anfangs bestimmt mehr ein Mitläufer gewesen bin, der wenig also von politischen Fragen etwas wusste, was erst mit der Zeit entstanden ist. Jedenfalls war das Attentat auf Rudi Dutschke Ostern 1968 ‘n ganz gewaltiger Wendepunkt für mich selber, aber eben auch für die gesamte Studentenbewegung, weil daraus dann in Berlin, und aber auch in Hamburg sehr starke Straßenkämpfe und sowas entstanden sind und vor allem sich gegen Springer gerichtet haben und da ich ja nun genau um die Ecke, 50 oder 100 Meter vom Springer-Verlag entfernt lebte, habe ich viel davon mitbekommen.

Für die Menschen, die im Gängeviertel lebten, war das natürlich ein vollständiger Umbruch ihrer Lebensverhältnisse, jedenfalls für eine bestimmte Zeit, weil es vor diesen Unruhen, vor den Springer-Blockaden und den Studentenunruhen im Gängeviertel eigentlich sehr ruhig gewesen war. Und nun kam also die Demo zu der an der Uni vor allem für mich im Philturm2Gemeint ist hier der Philosophenturm der Universität Hamburg, ein Gebäude, das die Sozial-und Geisteswissenschaften beherbergt. aufgerufen wurde. Die sammelte sich an der Moorweide, ging am Dammtor-Bahnhof vorbei, unter der Bahn durch und zum Gänsemarkt, und der Gänsemarkt war zunächst mal das entscheidende Ziel gewesen, weil am Gänsemarkt das „Hamburger Abendblatt“ seine Zentrale hatte und hier ging es dann auch schon recht ruppig zu: Es flogen Steine, Flaschen und so und die Polizei hat dann sehr massiv eingegriffen, hat aber die Studenten und auch mich nicht davon abgehalten, dann über die ABC-Straße zum Springer-Verlag zu gehen. Und der Springer-Verlag, muss man sich vorstellen, war damals ja sehr stark geprägt von der Druckerei, die hinter einer riesigen Glasfassade zu sehen war, man konnte da den ganzen Produktionsablauf der Bild-Zeitung sehen, die Rotation, die Papierrollen, die eingespannt wurden und über viele Umlenkrollen in den Druck gingen und dann schließlich alles zerschnitten und gelegt und gefalzt wurde. Das war also alles offensichtlich für den, der da vor dem Gebäude gestanden hat und das hat natürlich auch dazu geführt, dass sehr viele Scheiben der Druckerei nicht heil geblieben sind.

Die Teilnehmer an der Springer-Blockade waren im Wesentlichen Studenten, ich kannte vielen von ihnen aus meinen Instituten, bei der Germanistik, Literaturwissenschaft und Medienwissenschaft, aber es waren sehr viele Psychologen, Romanisten, Mediziner, also im Grunde genommen alle Fachrichtungen, die teilgenommen haben, weil die Empörung über die Springer-Presse und über das Attentat auf Dutschke war allgemein und war auch riesengroß. Sicherlich haben auch andere Menschen daran teilgenommen. Ich vermute mal, dass es auch Künstler gewesen sind, Kulturschaffende, vielleicht auch linke Presseleute. Aber im Wesentlichen bestand die Springer-Blockade schon aus Studenten, vielleicht auch Auszubildende, aber das ist eher spekulativ, sicher weiß ich, dass es Studenten aus sämtlichen Fachbereichen gewesen sind, weil die Empörung vor allem an der Uni über die Hetze der Springer-Presse gegen die Studentenbewegung und die politischen Verhältnisse so gewesen sind, dass wir alle ganz breit bereit waren, unser Studium hinten anzustellen und auf die Straße zu gehen.

Für das Gängeviertel beziehungsweise für seine Bewohner war das schon ein enormer Einschnitt, die Springer-Blockade und die Zerstörung, die stattgefunden haben, haben dazu geführt, dass ständig am Valentinskamp und in der Caffamacherreihe die Reste der Demonstrationen beseitigt werden mussten. Die Polizei war allgegenwärtig, auch dann, wenn keine Demonstration stattfand. Es gab eine Zeit, in der ein Demonstrationsverbot um den Springer-Verlag herum von der Polizei ausgesprochen wurde, das war praktisch in dem, in dem Straßendreieck Speckstraße, Valentinskamp und Kaiser-Wilhelm-Straße. Und die Verbotslinie, die ich am meisten mitbekommen hab‘ war die, die genau auf der Speckstraße verlief und praktisch vor dem Eingang meiner Wohnung.

Für mich war die Situation auch ziemlich speziell durch die Verhängung des Demonstrationsverbotes und des Sperrgebietes, weil ich in der Speckstraße nicht polizeilich gemeldet war und ich mit meinem Ausweis nicht nachweisen konnte, dass ich da wohnte. Ich war noch in Wellingsbüttel bei meiner Mutter, unter der Adresse meiner Mutter gemeldet. Und das führte zwangsläufig dazu, dass ich nicht vorne in die Wohnung reingegangen bin zur Zeit der Sperre, sondern hinten durch die Küche. Der Küchenausgang, oder der hintere Wohnungseingang, der war nämlich zum Hinterhof hin, den es ja auch heute noch gibt und der heute sehr schön dekoriert ist von seinen Bewohnern, und der hat mich dann sozusagen in dieser Situation gerettet. Das Gute daran war, dass einige Leute es mitbekommen hatten und fragten, ob sie mal da durch können, weil sie dann unbemerkt von der Polizei ins Sperrgebiet konnten und soweit ich es mitbekommen hab‘ auch kleinere oder größere Sabotageakte gegen Fahrzeuge des Fuhrparks vom Springer-Verlag gemacht haben, damit die Auslieferung der Zeitung behindert wurde. Und es war also ‘ne praktische Sache mit dieser Wohnung.

Wir haben natürlich jeden Tag auch die Zeitungen durchgesehen, vor allem was schreibt die Bild-Zeitung über unsere Aktion oder das [Hamburger] Abendblatt, was schreibt die Hamburger Morgenpost, die gehörte damals noch der SPD. Oder die Frankfurter Rundschau, wobei … also das Medienecho war auf jeden Fall sehr groß, wobei natürlich nicht Hamburg im Fokus stand, sondern Berlin, aber immerhin, auch über unsere Aktion wurde viel berichtet. Auch in der internationalen Presse. Und für uns war aber mit das Wichtigste die Frankfurter Rundschau. Die war damals die einzige von uns geschätzte bürgerliche Presse, weil sie sympathisierte mit der Studentenbewegung und den verschiedenen politischen Zielsetzungen, das ging ja lange nicht nur gegen die Springer-Presse. Auch ’69 gab es noch Aktionen gegen den Springer-Verlag, aber ich würde sie nicht als Blockade bezeichnen, die waren eher vereinzelt, nicht so systematisch, wie es ’68 gewesen war

Das Gespräch führten Natalia Wollny, Zoe Südecum und Alexander Kipke im Rahmen eines Oral-History-Projekts zum Thema Gängeviertel.

Fußnoten[+]