Gängeviertel: Auseinandersetzung mit der Vergangenheit

Slider

Bevor das Gängeviertel in neuerer Zeit in den Fokus der Aufmerksamkeit rückte und zu einem neuen kulturellen Zentrum erwuchs, hatte Christian bereits vierzig Jahre zuvor ein eigenes, sozial-kritisches Filmprojekt im Viertel begonnen. Inspiriert durch die studentische Protestbewegung der späten sechziger Jahre, entstand so die „Sozialistische Filmkooperative“ – die Ausgangsbasis für Christians künftiges berufliches Leben.


Untenstehend findet ihr das Transkript unseres Gespräches mit Christian zum Thema „Auseinandersetzung mit der Vergangenheit im Gängeviertel“

In der Speckstraße spielte für mich eine ganz zentrale Rolle die Springer-Blockade und insgesamt die Auseinandersetzung der Studentenbewegung mit der rechten Hetze der Springer-Presse, aber auch die Auseinandersetzung mit der Nazi-Vergangenheit Deutschlands und der Tatsache, dass noch sehr viele ehemalige Nazi-Funktionäre in Ämtern waren und keine Prozesse, keine Urteile, keine Bestrafung stattgefunden hat und das alles hat mich gerade in dieser Zeitsehr lebendig interessiert. Und da ich unter anderem auch Medienwissenschaften studiert hatte, hatte ich auch Kontakte zu Filmemachern, die die Hamburger Filmkooperative in der Rosenstraße in der Nähe des Hauptbahnhofs betrieben hatten, das war also ein Verein, in dem vor allem Experimentalfilme hergestellt und verliehen wurden, eine ganz wichtige Pionierarbeit hat damals dort stattgefunden. Und es gab auch einige politische Dokumentationen, wie zum Beispiel der Film, den viele kennen, „Von der Revolte zur Revolution. Oder warum die Revolution erst morgen stattfindet“ und so hat der damalige Geschäftsführer der Hamburger Filmkooperative meine Wenigkeit und noch ein, zwei andere Leute, wir haben die politischen Filme, die es dort gab rausgeholt und haben sie in die Speckstraße 87 gebracht und dort eine eigene, ‘ne eigene Filmstruktur entwickelt, die wir „Sozialistische Filmkooperative“ nannten.

Dabei ging es um den Verleih dieser Filme und darum, auch möglichst viele immer weiter entstehende politische Dokumentarfilme unter die Leute zu bringen, auf eine marxistisch orientierte von Walter Benjamin inspirierte Weise mit viel Filmtheorie und Praxis verbunden. Und die andere Seite der Filmarbeit, die wir in der Speckstraße begonnen haben war Produktion. Das nannten wir „Filmkollektiv TML“ mit dem wir die Randgruppenbewegung in der ausgehenden Studentenbewegung dokumentiert haben und Projekte mit dem WDR versucht haben anzuschieben. Das alles hat dann dazu geführt, dass ich nach und nach in die professionelle Filmarbeit hineingekommen bin, die dann den, die „Sozialistische Filmkooperative“ in, am Karl-Muck-Platz, heute Johannes-Brahms-Platz, über zwölf Jahre weitergeführt hat unter dem Namen „Zentralfilm-Verleih“ und ich hab‘ dann später professionelle Filmproduktion-und Weltvertriebsfirma gegründet, die mein ganzes Berufsleben geprägt haben.

Die Filmarbeit, die nach und nach in der Speckstraße begonnen hat, war eigentlich ohne, dass ich es bemerkt hätte damals, die erste kollektive Kulturarbeit, die im Gängeviertel stattgefunden hat, die sich da entwickelt hat. Das ist mir eigentlich jetzt erst klar geworden, indem ich nochmal über diese Zeit in der Speckstraße nachdenke. Und es hat mir sehr viele Impulse für mein weiteres Leben gegeben.

Das Gespräch führten Natalia Wollny, Zoe Südecum und Alexander Kipke im Rahmen eines Oral-History-Projekts zum Thema Gängeviertel.