Gängeviertel: Bauliche Veränderungen

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Die Gängeviertel, die sich ursprünglich durch die Altstadt sowie durch die südliche und nördliche Neustadt zogen, waren bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von großflächigen Abrissen betroffen, um Platz für breitere Straßen, Firmen- und Kontorhäuser zu schaffen, in der Altstadt und der südlichen Neustadt wurden die Gängeviertel mit der Zeit aus „Sanierungsgründen“ endgültig abgerissen. Obwohl es Ende der 1930er Jahre unter nationalsozialistischer Herrschaft weitere größere Abrisse in der nördlichen Neustadt gab, hat sich bis heute ein kleiner Überrest der Gängeviertel rund um die Speckstraße und den Valentinskamp erhalten. Auch in den 1960er und 1970er Jahren erlebte unser Zeitzeuge Christian das Areal als Ort struktureller Umbrüche und berichtet von Abrissen und der Verdrängung des alten Wohnviertels durch moderne Bürobauten. 


Untenstehend findet ihr das Transkript unseres Gespräches mit Christian zum Thema „Bauliche Veränderungen im Gängeviertel“

Abrisse habe ich auch mitbekommen, aber soweit ich mich erinnern kann, waren die schon weitgehend abgeschlossen, nämlich da, wo das Unilever-Haus gebaut wurde. Das Gängeviertel war ja ‘n reines Wohngebiet und nun entstand da plötzlich ein riesiger Bunker, hätte ich beinah‘ gesagt, so ‘n riesiger Büroturm, der als Fremdkörper da reingebaut wurde. Und dem sind natürlich die alten Gebäude zum Opfer gefallen.

Ich hab‘ das Gängeviertel immer als ein … als den Rest des alten Hamburg empfunden und wenn ich beobachtet hab‘, dass Häuser abgerissen wurde, wurden, fand ich das richtig blöd und schade, weil deutlich wurde, was dem folgte, war gesichtslos und kalt und bürokratisch. Und das Gängeviertel als Wohngebiet wurde auf diese Weise immer mehr verdrängt. Ich habe das besonders deutlich eigentlich wahrgenommen in der Zeit um ’66, als die ABC-Straße platt gemacht wurde, die „Palette“ abgerissen wurde, worüber wir alle sehr traurig waren. Die Bretterbuden, die gegenüber waren, da waren Imbissbuden, Imbissstuben untergebracht, die waren plötzlich weg und an die Stelle der „Palette“ wurde dieses mondäne Hotel gebaut, ich glaube das heißt „Madison Hotel“. Also ich hab‘ das als ‘ne Radikalkur im schlechtesten Sinne empfunden, was damals angefangen hat. Und wenn ich heute überlege, im Unterschied zu der Zeit, Ende der ’60er-, Anfang der ’70er-Jahre hat sich, ist dieses Viertel total verändert worden, es ist zu einem Schickeria-Viertel geworden, zu einem Büro-, Verwaltungsdistrikt, das dem Kommerz dient und von einer Wohnkultur kann eigentlich keine Rede mehr sein. Die fängt eigentlich erst wieder hinter der Kaiser-Wilhelm-Straße an. Und auch der Springer-Verlag ist ja wesentlich erweitert worden nach den Springerblockaden, der ist dann ganz dicht an die Speckstraße rangerückt, der Johannes-Brahms-Platz wurde entfernt, der Spielplatz wurde abgerissen, die Kinder hatten keine Spielflächen mehr, das habe ich also alles sehr bedauert.

Umso wichtiger und umso besser ist es, dass das Gängeviertel heute das geworden ist, was es ist. Nämlich ein Kulturzentrum, ein politisches Zentrum, ein autonomes Gebiet, das den von uns allen sehr gewünschten Gegensatz zu einem kommerziellen Umfeld darstellt. Diese ganzen Veränderungen des Gängeviertels und des Umfeldes sind meiner Meinung nach darauf zurückzuführen, dass die Finanzbehörde ein großes Interesse daran hatte und eben in die Politik des Bezirksamtes hineinregiert hat … bzw., das Bezirksamt Interesse daran gehabt hat das Wohngebiet zu erhalten und wieder in Schuss zu bringen nach den ganzen Kriegsschäden und der Verfallsperiode. Das Bezirksamt ist höchstwahrscheinlich von der Finanzbehörde überstimmt worden, was zu dieser Entwicklung geführt hat. Und in dieser Entwicklungsperiode, die dahin geführt hat, hat die Verwaltung eigentlich ihre Verpflichtung gegenüber diesem Viertel, bzw. den Menschen, die hier gelebt haben, gar nicht wahrgenommen, weil alles systematisch dem Verfall überlassen wurde. Und das sieht man auch daran, dass nach meinem Auszug aus der Speckstraße das Haus für unbewohnbar erklärt wurde. Ob es wirklich unbewohnbar war, möchte ich bezweifeln. Man hätte es durch Sanierungsmaßnahmen ohne Weiteres erhalten können, aber der Plan war wahrscheinlich gewesen, die gesamte Speckstraße abzureißen und an die Stelle der Wohnhäuser Bürohäuser zu setzen.

Wenn ich mich im Umfeld des Gängeviertels bewegt habe, zum Beispiel an der Ost-West-Strasse, dann war natürlich auffallend, dass es nicht darum ging den alten Zustand dieses großen Wohngebiets wiederherzustellen, sondern im Gegenteil für den Autoverkehr jede Freiheit zu schaffen durch Abrisse von Gebäuden, die noch erhaltenswert gewesen sind, damit diese Auto-Schneise Ost-West-Straße – oder heute heißt sie ja Williy-Brandt-Straße und Ludwig-Erhardt-Straße – gebaut werden konnte. Das hat ja auch dazu geführt, dass die Gemeinde der Nikolai-Kirche gesagt hat: „Hier ist kein Wohngebiet, die Gemeinde gibt es eigentlich gar nicht mehr. Wir ziehen um nach Harvestehude“, sodass die Nikolai-Kirche aufgrund dieser Sanierung, bzw. dieser Zerstörungspolitik gar nicht erst wiederaufgebaut wurde. Ich kann mich auch noch daran erinnern, dass in den siebziger Jahren viele Häuser links und rechts der Ost-West-Strasse abgerissen wurden. Das waren so Gebäude, die aus dem 19. Jahrhundert stammten, oftmals Kaufmannshäuser, wie zum Beispiel das Haus von Gröninger. Und stattdessen [entstanden] diese gesichtslosen Verwaltungsgebäude, die wir da heute noch und nöcher sehen, gebaut worden sind.

Das Gespräch führten Natalia Wollny, Zoe Südecum und Alexander Kipke im Rahmen eines Oral-History-Projekts zum Thema Gängeviertel.