Gängeviertel: Wohnen

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Die Speckstraße, in der Christian als Student eine Wohnung bezogen hatte, gehörte zum verbliebenen Rest des Gängeviertels in der nördlichen Neustadt, einem Gebiet, das sich ursprünglich über fast 83000 m² erstreckte, jedoch durch jahrzehntelange kontinuierliche Abrisse stark dezimiert wurde. Auf dem Areal rund um die Speckstraße befanden sich bereits in den 1960er und 1970er Jahren die letzten verbliebenen Häuser der Gängeviertel, die einst in der Altstadt wie in der südlichen und nördlichen Neustadt vorhanden waren.  Aufgrund von fehlenden Sanierungsmaßnahmen waren diese Häuser in keinem guten Zustand – unser Zeitzeuge berichtet von Feuchtigkeit in seiner Wohnung, Kälte, schlechter Beheizung und bezeichnet das Wohnen dort als „grenzwertig“.


Untenstehend findet ihr das Transkript unseres Gespräches mit Christian zum Thema „Wohnen im Gängeviertel“

Ich bin Christian. Ich hab‘ von Anfang ’68, 1968, wir sind da schon ein Jahrhundert weiter, also von 1968, April, bis ’71/’72, in der Speckstraße Nummer 87 gelebt. Würde auch sagen gelebt und nicht gewohnt, weil es für mich eine sehr spannende Zeit gewesen ist, in der enorm viel passiert ist und in der auch mein weiteres Berufsleben seinen Anfang genommen hat, ohne dass ich es damals gemerkt hätte.

Wenn ich mir überlege, wann ich in die Speckstraße gezogen bin und wieso eigentlich, soweit ich weiß, das war Anfang April ’68, ich hatte gerade angefangen zu studieren. Ich war nämlich dummerweise vorher bei der Bundeswehr gewesen und suchte nun den Anschluss an die Studentenbewegung, die ja schon in vollem Gange gewesen war. Und ich hatte Glück gehabt insofern, als ein Schulkamerad der mit mir zur Schule gegangen war mich gefragt hat, ob ich bei ihm einziehen will und das war eben in der Speckstraße 87. Er war Kunststudent an der HFBK [Hochschule für bildende Künste, Ed.], ich hatte mich eingeschrieben für Germanistik, Soziologie und Medienwissenschaften und das passte irgendwie ganz gut.

Die Wohnung war in einem miserablen Zustand allerdings und wir hatten ‘ne Menge zu tun, um sie überhaupt bewohnbar zu machen. Zum späteren Zeitpunkt wurde sie dann auch von der Gesundheitsbehörde für unbewohnbar erklärt. Und das Blöde an der Wohnung war, sie war feucht, dunkel, kalt, alles war gekachelt. Es gab auch einen Kühlraum, der voll gekachelt war, kleine Fenster und so. Und das alles hat dann dazu geführt, dass wir erstmal alles schön weiß gestrichen haben, um Licht reinzukriegen und die Fensterrahmen und die Fenster gelb gestrichen, damit das nach Sonne aussieht. Dann haben wir vom Sperrmüll sehr viel geholt, was damals ‘ne breite Bewegung gewesen ist, gerade unter Studenten, sich mit Sperrmüll einzudecken. Wir haben glaube ich gar nichts gekauft, was wir für unsere Wohnung brauchten, also Teppiche, Federkernmatratzen, die wir auf dem Boden ausgebreitet haben, Küchenutensilien, Stühle und was man alles so brauchte. Ich glaube auch, dass der ganze Rest des Gängeviertels so ähnlich war wie unsere Wohnung, vielleicht nicht ganz so feucht in den oberen Stockwerken, aber schlecht isoliert, kalt, schlecht beheizt. Toiletten höchstwahrscheinlich auf den Zwischenstockwerken und nicht in den einzelnen Wohnungen. Keine Badezimmer und ich glaube, also, das war schon sehr, sehr … wie soll man sagen, grenz- grenzwertiges Wohnen.

Soweit ich mich erinnern kann waren wir die einzigen Studenten dort, genau weiß ich‘s nicht mehr. Aber eigentlich kann ich mich nur erinnern daran, dass über uns im Haus Migranten, wie man heute sagen würde, gewohnt haben, ich glaube Italiener oder Türken. Auch im Nachbarhaus … an Studenten, die dort gewohnt haben so wie wir, kann ich mich eigentlich nicht erinnern. Unser soziales Umfeld, also die Zugezogenen aus Italien oder aus der Türkei hatten eigentlich sehr wenig Kontakt zu uns. Das hat wahrscheinlich an uns gelegen, weil wir studentisch und Intellektuelle waren die sich – zu der Zeit war das glaub ich unüblich – gar nicht um unsere Nachbarschaft gekümmert haben. Vielleicht gab es auch Sprachbarrieren, das weiß ich nicht mehr.

Um ins Gängeviertel zu kommen, hatte ich meinen VW Käfer, so ‘ne alte Schrottkiste, die aber richtig gut lief. Der Liter Benzin kostete damals 28 Pfennig und öffentliche Verkehrsmittel waren eigentlich auch ganz gut. Es gab keine U-Bahn zu der Zeit. Ich meine, sie wurde in dieser Zeit gebaut. Aber es fuhr die Straßenbahn, es gab Busse und vor allem die Straßenbahn spielte ‘ne ziemliche Rolle. Und wenn wir dann Lebensmittel brauchten, war’s im Grunde genommen auch ganz praktisch, es gab nämlich [nicht] diese riesigen Supermärkte wie heute, aber immerhin diese Spar-Ladenkette und gleich um die Ecke, und zwar Ecke Valentinskamp, wenn ich mich recht erinnere, gab es einen Spar-Laden. Und alles was wir brauchten, bekamen wir von da. Und was für mich speziell sehr interessant war, ich bekam gelegentlich Lebensmittelmarken, weil ich einen speziellen Sozialausweis hatte und auf diese Lebensmittelmarken bekam ich dann sehr günstig Butter und andere Milchprodukte, weil Deutschland damals so große Butterberge angehäuft hat, die weg mussten.

Zum Glück war ich nie krank und weiß gar nicht, ob es im Gängeviertel Ärzte gegeben hat. Ich würde eher vermuten, es gab da keine. Also wenn, dann vielleicht in der Neustadt. Oder ganz sicher in der Neustadt, aber direkt im Gängeviertel glaube ich eigentlich nicht. Und ja, also was man vom Gesundheitswesen mitbekam, das waren dann die Martinshörner der Notarztwagen, die Gorch-Fock-Wall durchfuhren zum Hafenkrankenhaus, was es heute nicht mehr gibt. Aber sonst kann ich mich eigentlich an so was nicht erinnern.

Wenn ich überlege, wie ich mich gefühlt hab‘ im Gängeviertel, dann kommt mir ein Buch in Erinnerung, das ich damals mehrmals gelesen hab‘, nämlich von Dostojewski, „Schuld und Sühne“ oder „Raskolnikow“. Das ist die Geschichte eines Studenten, der in totaler Armut in Russland lebt und in Abhängigkeit von einer Pfandleiherin. Er erlebt von seinen Nachbarn, dass sie von der Pfandleiherin ausgebeutet werden und in Folge dessen bringt er sie um, weil er diese Ungerechtigkeit nicht ertragen kann. Was mich sehr angesprochen hat, das ist die Atmosphäre in der … oder die Beschreibung der Atmosphäre, in der er gelebt hat und ähnliches habe ich in der Speckstraße auch empfunden.  Das Gängeviertel war so etwas ähnliches wie das was Dostojewski beschreibt, eben sehr arm, schmuddelig, sehr anders als der wohlhabendere Teil, der am Gänsemarkt anfing und mich hat eigentlich diese einfache, schlichte und ärmliche Lebenweise immer sehr angesprochen und eigentlich auch heute mehr, als irgendetwas anderes.

Das Gespräch führten Natalia Wollny, Zoe Südecum und Alexander Kipke im Rahmen eines Oral-History-Projekts zum Thema Gängeviertel.