Wind of Change: Rockmusik in der Sowjetunion

Der „Wind of Change“ kam mit Gitarren, langen Haaren und mit lauter Musik in die bröckelnde Sowjetunion. Millionen von Menschen begeisterten sich für den rockigen Klang des Westens. Doch wie stand es um die sowjetische Rock-Szene vor der Öffnung gegenüber dem Westen? Und haben die westlichen Musiker zum politischen Geschehen damals beigetragen?

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Inhaltsverzeichnis

  1. Die Anfänge
  2. Die Entwicklung des „Russian Rocks“
  3. Annerkennung in der Heimat, während der Westen überschwappt
  4. Musik-Festivals in der Sowjetunion
  5. Der Wind of Change

Die Anfänge

Kann Musik politische Veränderungen herbeiführen, oder zeigt sie uns nur auf, was in unserer Welt passiert und wo wir als Kollektiv – oder jeder einzelne Mensch innerhalb seines kleinen Mikrokosmos – etwas verändern können? Vor allem Musiker*innen wie die Scorpions behaupten gerne, dass sie „die Berliner Mauer und den Kommunismus weggerockt“1Interview mit Herman Rarebell vom 10. Juli 2012, URL: https://web.archive.org/web/20160329212824/http://www.metal-trails.com/interviews/herman-rarebell/2012-07-10.html. haben und somit auf der Ebene der Musik mit ihrem Engagement weitreichende Veränderungen in der Politik und Kultur erzielen konnten. Oder geht die Kraft eigentlich von den Menschen aus und Musik ist ein Ausdrucksmittel oder Spiegelbild der Gesellschaft.

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Die Schiene, auf der sich die sowjetische Rockmusik bewegen wird, wurde bereits zu Stalins Zeit verlegt. Er war es, der aus der sowjetischen Kultur westliche musikalische Aspekte, wie zum Beispiel die Jazzmusik verbannte. Doch bereits zwei Jahre nach dem Tod des Diktators wird im Januar 1955 im Theaterstück „Mysteria Buff“ Rock’n’Roll-Musik zur Untermalung einer Höllen-Szene benutzt.2Vgl.: Ryback, Timothy W.: Rock Around the Bloc. A History of Rock Music in Eastern Europe and the Soviet Union, New York, Oxford 1990, S. 235. Was hier eher zur Abschreckung des Publikums dient, wird in anderen Osteuropäischen Ländern bereits früh zur Unterhaltung eingesetzt. So sendet ab September 1955 ein polnischer Radiosender erstmalig ein Programm, welches Jazz und Tanzmusik anbietet. Ähnliches lässt sich auch im folgenden Jahr in Ungarn beobachten, wo die Musikszene für westliche Einflüsse aktiv geöffnet wird. Dem entgegen verläuft der kulturelle Kurs in der Sowjetunion: Hier wird vom damaligen Außenminister Dmitri Trofimowitsch Schepilow Rockmusik 1957 als „Explosion der niedersten Instinkte und des Sexualtriebs“3Vgl.: Ryback, Timothy W.: Ebd., S. 236. ausgelegt. Wenige Monate später findet auf einem Jungendfestival die erste öffentliche Live-Aufführung von Rockmusik als Teil des Programms bei der sechsten Ausgabe des „Weltfestspiele der Jugend und Studenten“ in Moskau statt.4Ebd.

Trotz dieser Veranstaltung, blieb Rockmusik in der Sowjetunion fast die gesamte Zeit des Bestehens ein illegales Gut, gegen dessen Verbreitung streng polizeilich vorgegangen wird.5Es fanden Razzien statt, welche die Untergrundorganisationen zur Beschaffung dieser Musik auflösen sollten. Vgl.: Ryback, Timothy W.: Ebd., S. 236 – 237. Deshalb war es für die Rock-Szene im Verlauf der folgenden mehr als zwanzig Jahre an nur möglich als Untergrundbewegung zu überleben.

Das erste Mal, dass Rockmusik in einem größeren Umfang im sowjetischen Raum greifbar wird, war im Frühjahr 1964, als auch dort die Jugendlichen von der Beatlemanaia gepackt werden.61965 kam es dann mit „Slavjane“ zur Gründung der ersten sowjetischen Rockband. Vgl.: Siebert, Armin: Rockmusik in der Sowjetunion, URL: http://www.bpb.de/internationales/europa/russland/48014/rockmusik-in-der-sowjetunion?p=all. Wie die Fans im Westen haben sich auch die Fans im Osten die typischen Pilzhaarschnitte zugelegt, Band-Memorabilia gesammelt und die Konzerthallen und Tanzsäle bei Musikveranstaltungen gefüllt, bei denen die Musik der Beatles gespielt wurde.7Obwohl solche Veranstaltungen stattfanden, war der Import von Schallplatten aus dem Westen verboten, Teilnehmer der Veranstaltungen wurden disziplinarisch verfolgt und den Beatles war es auch untersagt in der Sowjetunion aufzutreten. Vgl.: Bittner, Kerstin: Die sowjetische Rockkultur und der sowjetische Rockkonzertfilm, in: Kieler Beiträge zur Filmmusikforschung 492 (2011), URL: http://www.filmmusik.uni-kiel.de/beitraege.htm. Diese Veranstaltungen unterscheiden sich von der durch die Besucher*innen empfundenen Intensität wohl kaum von den westlichen Pendants, denn es kam auch hier zu euphorischem Vandalismus. Das macht deutlich, dass zumindest im Rahmen der Konzerte und Tanzabende der westliche Lebensstil von den Jugendlichen deutlich imitiert wurde. Auch die Musik war anfänglich nur eine reine Covermusik, welche vor allem die Songs der Beatles nachspielte.

Später bekannte Persönlichkeiten wie Andrei Makarewitsch (Maschina Wremeni) wurden durch die Songs der Beatles dazu inspiriert eine eigene Coverband zu gründen.8„A Hard Days Night“ veränderte Andrei Makarewitsch’s Leben von einem Schlag auf den anderen, was zu dieser Zeit mit vielen Jugendlichen geschah. Nach dem Hören der Musik, wurde ihr Weltbild zu einem anderen und sie betrachteten sich als andere Menschen. Dass dieses „Erwachen“ bei Makarewitsch erst 1968 stattfand, also vier Jahre nachdem die Beatlemania die Sowjetunion gepackt hatte, zeigt das zeitliche Ausmaß dieser Massenhysterie. Vgl.: Ryback, Timothy W.: Ebd., S. 57. Dabei wurden die Bühnenpräsenz als auch die Rollenverteilung der Beatles zu häufig kopierten Aspekten. Diese schlossen ein, dass es die Position des Frontmannes gab. Außerdem war die Instrumentierung weitestgehend klar durch das Vorbild definiert: Gitarre, Bass, Schlagzeug, Gesang gehörten zum typischen Klang. Häufig wurden die Gitarrenparts zwischen Rhythmus- und Lead-Gitarristen aufgeteilt. Den Gesang konnten alle Bandmitglieder übernehmen, doch in der Regel waren es die Gitarristen mit den unterstützenden Bassisten, welche den Hintergrundgesang lieferten. Dabei war es zum Teil unwichtig, ob drei, vier, oder fünf Musiker*innen die vier Instrumente bedient haben.

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Für die Jugendlichen selbst waren die Beatles wie eine Art Vorhang, hinter dem sie sich während des Lebens im Sozialismus bei Bedarf verstecken konnten.9Vgl.: Ryback, Timothy W.: Ebd., S. 50 – 51. Den staatlichen Organen entging das nicht und viele der Hörer galten als Hooligans. Durch die äußerlichen Modeerscheinungen – erst Pilzhaarschnitte, dann lange Haare, Jeans, etc. – waren diese Jugendlichen auf offener Straße leicht zu identifizieren und boten damit einen offenen Konfliktpunkt in Bezug auf das System.10Gleichzeitig waren die Hippies mit ihrem Motto „make love not war“ relativ harmlos und von der Miliz dadurch auch zeitweise ein geduldetes Phänomen. Vgl.: Siebert, Armin: Rockmusik in der Sowjetunion, URL: http://www.bpb.de/internationales/europa/russland/48014/rockmusik-in-der-sowjetunion?p=all. Man könnte es sogar vielleicht als eine langsam startende, stumme Revolution betrachten, die zu dieser Zeit ihren Lauf nahm. Stumm war sie deshalb noch, weil ohne eigene musikalische Texte kein direkter Angriff auf das politische System der Sowjetunion stattfand. Wie auch in anderen politischen Systemen11Vgl.: Lass, Karen: Vom Tauwetter zur Perestrojka. Kulturpolitik in der Sowjetunion (1953-1991), Köln 2002, S. 374. war auch hier die Musik im Allgemeinen als propagandistisches Sprachrohr benutzt worden. Die offiziellen staatlichen Ensembles waren also im Grunde nur politische Werkzeuge. Im sowjetischen System gab es zwei Welten: Die offiziell existierende und der politischen Ideologie entsprechende und eine von offizieller Seite bewusst nicht wahrgenommene Parallelwirtschaft,12Der Begriff lässt sich teilweise nicht ganz klar definieren, aber könnte auch als Zweit- oder Schattenwirtschaft bezeichnet werden. Vgl.: Borchert, Jürgen: Die Zusammenarbeit des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) mit dem KGB in den 70ger und 80ger Jahren. Ein Kapitel aus der SED-Herrschaft, Berlin 2006, S. 120. welche das System funktionsfähig zu machen versuchten. Dafür gab es ganze Firmenkomplexe, welche die durch den Fünfjahresplan nicht abgedeckten Nachfragen zu stillen versuchten. Ein ähnliches Phänomen lässt sich auch auf dem Unterhaltungssektor finden. Während nach außen hin die Existenz der Beat- und sich gerade entwickelnden Rockmusik in den sechziger Jahren von staatlicher Seite noch vehement geleugnet wird, amüsieren sich die Jugendlichen am Wochenende bei diversen Tanzveranstaltungen zum Klang der verleugneten Musik.13Vgl.: Ryback, Timothy W.: Ebd., S. 106 – 107. Das führte mit der Zeit dazu, dass bei Musikern und musikalischen Ensembles zwischen „offiziellen“ und „inoffiziellen“ unterschieden wurde.14Die offiziellen Gruppen werden als VIA bezeichnet. Vgl.: Cushman, Thomas: Notes from Underground: Rock Music Counterculture in Russia, New York 1995 (= The Sociology of Culture), S. 78. Die Offiziellen wurden von staatlicher Seite gefördert und konnten auch die staatliche Musikindustrie in vollem Umfang nutzen. Die inoffiziellen Musiker*innen existierten zwar in einer Art geduldeten „Grauzone“ unter dem Wissen des Staates, bekamen jedoch keine Unterstützung und konnten somit keine offiziellen Alben publizieren oder offizielle Tourneen veranstalten. Gleichzeitig lebten sie in der ständigen Gefahr, durch spontane Missgunst in polizeilichen Gewahrsam genommen zu werden.

Fußnoten[+]

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