Gängeviertel: Die Palette

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Die Palette gehört zu den legendären Kneipen Hamburgs, welche heute noch für einen Lebensstil, oder besser gesagt für eine ganze Lebenseinstellung stehen. Spätestens durch den Autor Hubert Fichte wurde die Eckkneipe auch außerhalb der Hansestadt bekannt. Der Roman „Die Palette“ von 1968 fing das Lebensgefühl einer Jugendkultur ein, die ihrerzeit versuchte einen anderen Weg in ihrem Leben zu finden, als die große Masse. Heute befindet sich das Marriot-Hotel auf dem ehemaligen Standort der „Palette“.


Untenstehend findet ihr das Transkript unseres Gespräches mit Christian zur „Palette“.

Bevor ich dahingezogen bin in die Speckstraße und das Gängeviertel von der Seite aus kennenlernte, bin ich zehn Jahre davor auch schon als Schüler viel im Gängeviertel unterwegs gewesen und vor allen, vor allem in der „Palette“.  Die „Palette“ war ‘n Szenelokal in der ABC-Straße, die sogenannten „Beatniks“ und ähnliche gingen da ein und aus, Leute ohne Arbeit, Künstler, Studenten und andere, zum Teil auch ziemlich ausgeflippte Leute. Das hat mich eigentlich immer interessiert, ich bin dann lieber nicht zur Schule gegangen, sondern in die „Palette“ und hab mir da die Vormittage vertrieben.

Also was mich an der „Palette“ besonders interessiert hat, sie war nicht gewöhnlich, sie war eigentlich einzigartig, Lokale dieser Art gab es sonst, oder kannte ich jedenfalls nicht in Hamburg. Da kamen Leute zusammen, die, wie soll man sagen, ein sehr unkonventionelles Leben führten oder jedenfalls so taten. Und das hatte mich sehr angesprochen. Alles war so‘n bisschen schmuddelig, es ging nicht um Kommerz, sondern es ging eigentlich darum, zusammen zu sein, Ideen auszutauschen, Musik zu hören, Pläne zu machen über ein unangepasstes Leben und so. Das fand ich toll.

In der „Palette“ gab’s allerdings auch ‘ne Menge Drogenkonsum, ganz klar. Das war nicht mein Ding, weil ich fand, dass die Leute dann ziemlich zu waren, wenn sie Drogen zu sich genommen hatten, aber das war ziemlich gängig. Man muss aber dazu sagen, das waren zum Teil Drogen, die heute glaube ich gar nicht verwendet werden, also zum Beispiel „Preludin“, eine Wachmacherpille, die Fernfahrer gerne genommen haben. Die wurde dann in der Coca-Cola aufgelöst zusammen mit etwas Nescafé und das war dann der richtige Kick den man brauchte, um von der „Palette“ dann in die nächsten Lokale gehen zu können.

Von der „Palette“ her wusste ich natürlich, was hier so die Defizite im Gängeviertel waren. Eben dass sehr viele Kriegsschäden überall zu sehen waren. Zum Beispiel am Gänsemarkt war das „Hamburger Abendblatt“ in einer Bruchbude, in einer regelrechten Holzbude untergebracht. Und im Gängeviertel, vor allem im Valentinskamp gab es sehr viele Lücken zwischen den Gebäuden, also Bombenkrater […] ne nicht Krater, aber jedenfalls Lücken zwischen den Gebäuden, woraus man erkennen konnte, wo die Bomben gefallen waren. Und, es haben sich dann zum Beispiel Schrotthändler, ein Schrotthändler, an den ich mich erinnern kann, niedergelassen und ein Gebrauchtwagenhändler und all sowas. Es war alles sehr unfertig und das fand ich gut, dass fand ich kreativ, auch.

Das Gespräch führten Natalia Wollny, Zoe Südecum und Alexander Kipke im Rahmen eines Oral-History-Projekts zum Thema Gängeviertel.