Wind of Change: Rockmusik in der Sowjetunion

Inhaltsverzeichnis

  1. Die Anfänge
  2. Die Entwicklung des „Russian Rocks“
  3. Annerkennung in der Heimat, während der Westen überschwappt
  4. Musik-Festivals in der Sowjetunion
  5. Der Wind of Change
Annerkennung in der Heimat, während der Westen überschwappt

Erst ab 1980 kommt es im Zuge der Olympischen Sommerspiele in Moskau zu tiefgreifenden Veränderungen in der Musiklandschaft, wodurch in erster Linie der Russian Rock nun eine Basis für den Auszug aus dem Untergrund gelegt bekam. Begünstigt durch ein Klima der Öffnung und Duldung der Rockmusik sowie der damit verbundenen Kultur, wurden viele zuvor im musikalischen Untergrund aktive Musiker*innen und Bands zu „Offiziellen“, die nun unter anderem staatliche Booking-Agenturen und Konzertverantsalter*innen nutzen konnten.

Als Gauleiter kontrollierte Karl Kaufmann ab 1933 den Senat und ab November 1940 als Gauwohnungskommissar auch die Verschmelzungen von Baugenossenschaften.
In typisch nüchterner Art erfolgt auf diesem Plakat die Anküdigung eines Auftritts der Rock-Gruppe "Integral" im Jahr 1985.
 

In diese Zeit fällt auch das erste offiziell abgehaltene Rockfestival, welches 1980 in der georgischen Stadt Tiflis stattfand. Die Headliner der Veranstaltung waren Maschina Wremeni und Aquarium, welche durch ihren provokativ an den Punk angelehnten Auftritt1Dies äußerte sich durch den Kleidungsstil – die grünen Haare und T-Shirts mit abgebildeten „Obszönitäten“ -, aber auch durch konkrete Andeutungen sexueller Natur. Vgl.: Frey, David: Rock, Partei und Perestroika. Die späte Geburt sowjetischer Jugendkultur, in: Monica Rüthers, Carmen Scheide [ed.]: Moskau. Menschen, Mythen, Orte, S. 197. auf dem Festival gewonnen Status einer offiziellen Band wieder verloren und in den Untergrund zurückkehrten.2Vgl.: Frey, David: Ebd., S. 196 – 197. Später wurden sie jedoch wieder als Symbol für die Liberalität der Perestroika-Politik benutzt.3Vgl.: Stöver, Bernd: Der Kalte Krieg: 1947 – 1991. Geschichte eines radikalen Zeitalters, München 2007, S. 276. 1981 wurde in Leningrad ein Rockclub gegründet, der den damals ungefähr fünfzig einheimischen Bands eine öffentliche Bühne und damit den Weg aus dem musikalischen Untergrund bot.4Vgl.: Siebert, Armin: Rockmusik in der Sowjetunion, URL: http://www.bpb.de/internationales/europa/russland/48014/rockmusik-in-der-sowjetunion?p=all. Obwohl bereits kurze Zeit später noch unter Leonid Iljitsch Breschnew, seinem Nachfolger Juri Andropow und Konstantin Tschernenko die neu gewonnene Freiheit wieder beschnitten wurde, begann spätestens ab der Amtszeit Michail Gorbatschows eine Art zweiter Frühling für die sowjetische Rockszene. Bereits sechs Monate nach Beginn seines Amtsantritts eröffnete in Moskau das erste auf Rockmusik spezialisierte Aufnahmestudio, die Pressereaktionen fielen im Allgemeinen positiver aus als zuvor und der Aquarium-Frontmann Boris Grebentschikow wurde durch eine positive Berichterstattung in der Presse nach dem kontroversen Auftritt auf dem Tbilisi Rock Festival rehabilitiert,5Vgl.: Ramet, Sabrina Petra; Zamascikov Sergei & Bird, Robert: The Soviet Rock Scene, in: Sabrina Petra Ramet [ed.]: Rocking The State, Boulder 1994, S. 204.

Im Herbst des Jahres 1984 gab es einen runden Tisch, an dem sich Vertreterinnen der Regierung, der Presse und einiger sowjetischer Musikerinnen trafen und feststellten, dass die eigenen Rockmusiker*innen innerhalb der UdSSR populärer geworden sind, als die ausländischen Bands. Darin sah man nun das vollständige Ende der Imitations- und Coverkultur und das Aufkommen eines völlig unabhängigen Russian Rock-Genres.6Vgl.: Ryback, Timothy W.: Ebd., S. 211. Das würde bedeuten, dass dieser Prozess der Loslösung von westlichen Vorbildern – der bereits Anfang der Siebziger Jahre begann – über zehn Jahre dauerte. Parallel dazu entwickelten sich nun auch in gänzlich abgelegenen Gegenden der Sowjetunion – Sibirien und dem fernen Osten – repräsentative lokale Rockszenen, welche bis zum Ende der Achtziger nationale Bedeutung erlangen konnten.7Ramet, Sabrina Petra; Zamascikov Sergei & Bird, Robert: Ebd., S. 201.

Gleichzeitig fand ab 1986 ein direkter kulturpolitischer Einschnitt statt, der durch die Umbesetzung wichtiger Posten im Kulturministerium diverse konservative Figuren wie Pjotr Nilowitsch Demitschew,8Von 1974 bis 1986 war Demitschew Kulturminister der Sowjetunion. durch für die westlichen Einflüsse offenere Persönlichkeiten ersetzt. Diese Umbesetzungen machten den Weg für die ersten echten westlichen Rockbands frei, die über offizielle Einladungen ab 1987 in der Sowjetunion auftreten durften. Es wurde fast schon modisch, sich als Politiker*innen mit einem Rock-Umfeld zu zieren und damit eine Art Weltoffenheit zu demonstrieren. Spätestens jetzt waren die offiziellen mehr oder weniger VIA-Musiker*innen fast obsolet geworden.9Es sei erwähnt, dass die offiziellen Bands und Musiker teilweise innerhalb der Bevölkerung im Laufe der Zeit recht beliebt gewesen sein dürften, wie es im Fall der weißrussischen Band „Pesnyary“ der Fall war. Vgl.: o.A.: “Pesnyary” – Legends in Bell-Bottoms, URL: https://web.archive.org/web/20130304015632/http://democraticbelarus.eu/news/pesnyary-legends-bell-bottoms. Diese kulturelle Öffnung galt jedoch nicht allen Genres, denn gleichzeitig wurden Punkbands weiterhin boykottiert und streng überwacht. Das ging sogar so weit, dass die Gruppe Propeller aufgrund der „Primitivität“ 10Vgl.: Cushman, Thomas: Notes from Underground: Rock Music Counterculture in Russia, New York 1995 (= The Sociology of Culture), S. 103 – 104. ihrer Musik auf staatlichen Beschluss für aufgelöst erklärt wurde. Die Punkszene hatte ihre Anhänger*innen in dieser Zeit vor allem in Jugendkreisen in Estland und in Sibirien, aber teilweise auch darüber hinaus, wobei der Punk von der Regierung in Moskau wohl eher als ein für den Staat peripheres Phänomen betrachtet wurde. Aber nicht alle Rockbands – auch wenn sie stilistisch und mit den Textinhalten in das neue Konzept der Liberalisierung passten – erfuhren einen sofortigen Aufschwung. Die 1983 gegründete Band Mumi Troll konnte laut Sänger Ilya Lagutenko in den ersten fünfzehn Jahren der Bandgeschichte insgesamt weniger als zehn Auftritte spielen.11„We did less than ten shows as a band during the first 15 years of its existence and probably more than a couple of thousand shows for the next 15 years. Do you feel the difference? Of course we did not know that day will come.“ Vgl.: Interview mit Ilja Lagutenko (Mumi Troll) vom 8. März 2014, URL: https://web.archive.org/web/20160423224458/http://www.metal-trails.com/interviews/mumiy-troll/ilya-lagutenko/2014-02-04.html. Man kann also davon ausgehen, dass vor allem die etablierten Bands in dieser Zeit von den Veränderungen profitiert haben, aber keine Förderung des musikalischen Nachwuchses stattfand.

So wie diese Plakette der Hansa erinnern überall in Hamburg Schilder an Zerstörung und Wiederaufbau alter genossenschaftlicher Häuser.
Mumi Troll [deutsche Schreibweise] profitierten bei ihrer musikalischen Karriere von der kulturellen Öffnung in den 1980iger Jahren.
 

Eine Problematik, die sich mit der Perestroika nun bei jungen Bands auftat, war – bedingt durch das nun gesteigerte mediale Interesse an der nicht mehr verbotenen Musik – die mediale Fehlinterpretation einiger Musiker*innen und ihrer Musik und die damit fälschliche Zuordnung zu rebellierenden Protestler*innen.12„Then with all that Perestroika slogans media started to see the rebellion everywhere in the past. I always thought it was a joke – we were 14 years old probably, we could not care less about politics really.“ Vgl: lja Lagutenko (Mumi Troll), Interview 2014, im Privatbesitz befindlich. Aus Jugendlichen, die mit ihrer Musik weiterhin nur Spaß haben wollten, wurden plötzlich Vertreter*innen einer politischen Kritik, die sie zumindest nicht bewusst sein wollten. Wie in der US-amerikanischen Rockszene beschäftigten sich im Allgemeinen viele der Texte mit Themen wie Sex, den Problemen des Erwachsenwerdens oder ganz alltäglichen Dingen.13Vgl.: Ramet, Sabrina Petra; Zamascikov Sergei & Bird, Robert: The Soviet Rock Scene, in: Sabrina Petra Ramet [ed.]: Rocking The State, Boulder 1994, S. 208 – 209. Bis 1989 erreichte die nun nicht mehr isolierte sowjetische Rockmusik einen mit westlichen Standards zumindest vergleichbaren Level in Bezug auf Produktionen, Konzertauftritte und Festivals. Das im gleichen Jahr abgehaltene Moscow Music Peace Festival wurde für die Entwicklung der westlichen Szene zu einem Höhepunkt des kommerziell wichtigen Glam Metals, wodurch die weitere Entwicklung für die westlichen Bands (zumindest teilweise) eine Weiterentwicklung auf sowjetischem Boden erfuhr. Nun war es die Sowjetunion, die einen neuen Impuls für die internationale Musikgesellschaft aussandte.14„As time has passed it seems more and more special, because the memory of it has really hang on. It was a very special event.“ Vgl.: Interview mit Tom Keifer (Cinderella) 2014, Original im Privatbesitz. Neben Moskau und Leningrad als Zentren der jugendlichen Rockkultur waren vor allem folgende wichtige Zentren innerhalb der Russischen SSR für die Szene relevant: Iwanowo (nordöstlich von Moskau), von wo die Gruppe Safe stammt, Rostow am Don und Charkiw (heutige Ukraine), wo ab den achtziger Jahren diverse Festivals stattfanden, Woronesch – wo die Punkband Sektor Gasa gegründet wurde und die Region um Jekaterinburg (eines der östlichsten Szene-Zentren), wo u.a. ein Rockclub existierte und Bands wie Nautilus Pompilius ihre Heimat hatten. Hier gab es Rockclubs, die viele Musiker*innen in ihrem eigenen Empfinden erst durch eine Aufnahme in die eigenen Reihen zu professionellen Musiker*innen adelten.15Vgl.: Interview mit AuktYon 2013, im Privatbesitz befindlich. Leningrad hatte durch den bereits 1981 gegründeten Rockclub den großen Vorteil für die Musiker*innen, dass ihnen nun eine öffentliche Bühne für die Präsentation ihrer Musik geboten wurde. Dadurch avancierte die Stadt von diesem Zeitpunkt an zum wohl wichtigsten Zentrum für die sowjetische Rockmusik und brachte Bands hervor, mit denen bis heute die sowjetische Musikszene assoziiert wird.16Vgl.: Siebert, Armin: Rockmusik in der Sowjetunion, URL: http://www.bpb.de/internationales/europa/russland/48014/rockmusik-in-der-sowjetunion?p=all. Trotzdem blieben die baltischen Republiken selbst Moskau und Leningrad eine Spur voraus in der Entwicklung und Offenheit gegenüber der Rockmusik.17Vgl.: Ramet, Sabrina Petra; Zamascikov Sergei & Bird, Robert: The Soviet Rock Scene, in: Sabrina Petra Ramet [ed.]: Rocking The State, Boulder 1994, S. 199. Interessanterweise entwickelten sich in den einzelnen Sowjetrepubliken teilweise Bands, die – wie im Falle der weißrussischen VIA-Gruppe Pesnyary nicht auf Russisch, sondern in der Sprache der eigenen Republik gesungen haben18Vgl.https://web.archive.org/web/20130304015632/http://democraticbelarus.eu/news/pesnyary-legends-bell-bottoms">: Vgl.: o.A.: “Pesnyary” – Legends in Bell-Bottoms, URL: https://web.archive.org/web/20130304015632/http://democraticbelarus.eu/news/pesnyary-legends-bell-bottoms">https://web.archive.org/web/20130304015632/http://democraticbelarus.eu/news/pesnyary-legends-bell-bottoms. Für die baltischen Jugendlichen, welche sich trotz der Annektierung durch die Sowjetunion zur Zeit des 2. Weltkrieges mehr zum westlichen Europa hingezogen fühlten, als zur Sowjetunion, war die Musik nicht nur bloße Unterhaltung, sondern gleichzeitig eine stille Rebellion gegen die sowjetische Kultur.19Vgl.: Ryback, Timothy W.: Ebd., S. 111. Auch die estnische Republik hatte durch die aus Tallin stammende Gruppe Magnetik Bend, welche durch das Tbilisi Rock Festival zu größerer Bekanntheit gelangte, einen bekannten Genrevertreter.20Siebert, Armin: Rockmusik in der Sowjetunion, URL: http://www.bpb.de/internationales/europa/russland/48014/rockmusik-in-der-sowjetunion?p=all.

Wohnungsbau an der Helmholtz-Bunsenstraße im Stil der Neuen Sachlichkeit. Typisch für die späten 1920er Jahre.
Wenig rebellisch: Beitrittsantrag des Musikers Viktor Tsoi für die Aufnahme in den Leningrader Rockclub.
 

Ab den achtziger Jahren war die übliche zu beobachtende Entwicklung innerhalb der einzelnen Sowjetrepubliken, dass man über die Rockmusik einen nationalistischen Gedanken verbreiteten wollte, der auch offen Kritik am sowjetischen System und der Zugehörigkeit zu diesem äußerte. In der estnischen Republik hatten Musiker wie Mati Brauer nun die Möglichkeit so laut wie möglich die seit langem keimenden Gefühle „herauszumusizieren“, was auch konsequent umgesetzt wurde.21Vgl.: Ramet, Sabrina Petra; Zamascikov Sergei & Bird, Robert: Ebd., S.200. Durch die periphere Lage waren die Regionen abseits des Urals im Vergleich zu den baltischen im klaren Nachteil, wenn es darum ging die aktuellen Trends der musikalischen Entwicklung aufzuschnappen. Deshalb kam es in Sibirien erst ab den achtziger Jahren – mit der Gründung von Ufin Dzhus – zu einem bemerkbaren Aufkommen an Rockmusik und Bands. Gleichzeitig galt um 1989 genau dieses abgelegene Gebiet als quantitativ und qualitativ wichtigere Rockzentren als Leningrad oder Moskau. 22Vgl.: Ramet, Sabrina Petra; Zamascikov Sergei & Bird, Robert: Ebd. Ab 1989 hatte so ziemlich jede mittelgroße Stadt offizielle und inoffizielle Möglichkeiten für öffentliche Auftritte – z.B. in Rockclubs –, oder die Produktion von Musik und 1990 wurde sogar ein Festival in Tscherepowez organisiert. Trotzdem blieb eine gewisse, vor allem finanzielle Abhängigkeit von der westlichen Rockszene in der Sowjetunion bestehen.23Vgl.: Ramet, Sabrina Petra; Zamascikov Sergei, Bird, Robert: Ebd.

Fußnoten[+]

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