Wind of Change: Rockmusik in der Sowjetunion

Inhaltsverzeichnis
  1. Die Anfänge
  2. Die Entwicklung des „Russian Rocks“
  3. Annerkennung in der Heimat, während der Westen überschwappt
  4. Musik-Festivals in der Sowjetunion
  5. Der Wind of Change
Die Entwicklung des „Russian Rocks“

Anfang der siebziger Jahre kam es zu einer ersten vorsichtigen Annäherung der Rockmusik an den Staat, was durch das Interesse einiger Intellektueller an den in Mode kommenden Rock-Opern zustande kam.1Vgl.: Stites, Richard: Russian Popular Culture. Entertainment and Society Since 1900, Cambridge 1995 (= Soviet Union – Civilization – 1917), S. 161. Zeitgleich fingen einige Bands wie Maschina Wremeni an, sich musikalisch von der Beatles-Abhängigkeit zu lösen und eine eigene Musik mit eigenen Texten zu schreiben, womit sie die sogenannte Ausprägung des „Bard Rocks“2Vgl.: Ebd. begründeten. Dabei stellte sich ihnen die Frage, in welcher Sprache die Texte am besten verfasst werden sollten. Die ersten Versuche fanden bei Maschina Wremeni anfänglich noch wie bei ihren musikalischen Vorbildern auf Englisch statt. Schnell wurde jedoch klar, dass sie als sowjetische Band unter den damaligen Bedingungen keine internationale Karriere ansteuern können und Russisch als Textsprache besser geeignet sei.

So wie diese Plakette der Hansa erinnern überall in Hamburg Schilder an Zerstörung und Wiederaufbau alter genossenschaftlicher Häuser.
Als Zeitzeugen der Beatlemania in der RSFSR haben Maschina Wremeni bis in die 2020er Jahre ihre Karriere ausbauen können. Hier bei einem Konzet in Moskau 2018.
 

Für Tourneen das Land zu verlassen war de-facto unmöglich und für die eigene Bevölkerung war es sinnvoller auf Russisch zu texten, da damit einerseits die Texte verständlich für jedermann wurden und andererseits der Druck von Seiten des Staates etwas minimiert wurde, denn einer englischsprachigen Band wäre es politisch zum Verhängnis geworden, da man sie als Spione hätte verurteilen könne.3Vgl.: Lass, Karen: Vom Tauwetter zur Perestrojka. Kulturpolitik in der Sowjetunion (1953-1991), Köln 2002, S. 360. Im Allgemeinen entwickelte sich beim Russian Rock eine andere Dynamik, als beim westlichen Pendant, an dem es sich zuvor orientiert hat, heraus. Die musikalisch stilistische und textliche Entwicklung wendet sich dabei mehr in Richtung der eigenen Heimat, als dass auch hier der Westen adaptiert wurde.4Vgl.: Barker, Adele Marie: Consuming Russia. Popular Culture, Sex, and Society Since Gorbachev, Durham 2001 2, S. 110. Mit den eigenen Texten kam natürlich auch eine eigene Meinung, bzw. ein eigenes Weltbild innerhalb der Rock-Szene auf. Dabei scheinen sich die Musiker*innen in zwei Lager zu teilen: Die einen, die in einer Grauzone5Es gab zum Teil klare staatliche Vorgaben, wie dass offizielle Rockgruppen die vom Komponistenverband für sie geschriebenen Lieder vorführen mussten, oder sich thematisch an Themen, wie der Liebe orientieren mussten. Vgl.: Lass, Karen: Ebd. versuchten von Tag zu Tag zu überleben, ohne den Staat zu provozieren und dadurch negativ aufzufallen und sich selbst einer weitläufigeren Form von Verfolgung oder Repression auszusetzen. Zu diesem Lager kann man Bands, wie Maschina Wremeni zählen, die sich textlich nur bedingt mit Politik auseinandersetzten und stattdessen lieber die Schönheit des Lebens besangen.6„Wir waren jung und wir waren erfüllt von Ehrfurcht vor dem Leben, das uns unsere Eltern schenkten. Wir waren voller Ehrfurcht vor der Schönheit dieser Welt.“ Vgl.: Interview mit Alexander Kutikow (Maschina Wremeni), in Privatbesitz befindlich, 2013. Maschina Wremeni hatten schon 1974 durch den Kinofilm „Afonya“ und 1975 die Möglichkeit im Fernsehen mit ihrer Musik im Programm „Musikalnij Kiosk“ der breiten Öffentlichkeit präsentiert zu werden, wofür auch eine Studioaufnahme stattfand. 1980 wurden sie dann im Zuge der kulturellen Liberalisierung zur offiziellen Band ernannt und konnten von da an Hallenkonzerte vor großem Publikum spielen. Trotzdem blieb auch für sie immer die Gefahr, in den Untergrund zurückkehren zu müssen, wenn sich die Lage drastisch ändern sollte. Außerdem kam in der Zeit vor den Olympischen Spielen und der damit einhergehenden Liberalisierung das Problem hinzu, dass die seit 1966 existierenden VIA-Enesembles eine direkte Konkurrenz zu den Rockmusiker*innen wurden. Viele wählten lieber eine Einbuße der Freiheit, bekam dafür aber ein garantiert stabiles Einkommen und die Möglichkeit offiziell tätig zu sein.7Vgl.: Berdy, Michele: s.v. VIA, in: Encyclopedia of Contemporary Russian Culture, Routledge 2007, S. 524.

Auf der anderen Seite waren die aktiven Dissident*innen, an erster Stelle seien hier DDT und Aquarium zu nennen, die zum Teil sehr offen gegen das Machtsystem antraten. Manche Musiker*innen gingen sogar so weit, dass sie sich selbst als Prophete*innen bezeichneten. Ihre Aufgabe sahen sie darin, dem revolutionären Gedankengut und der vorherrschenden Unzufriedenheit im Land und in den einzelnen Republiken Ausdruck zu verleihen. Dabei wurde immer betont, dass Rock, Geist und Politik eine Einheit bilden.8Vgl.: Lass, Karen: Ebd., S. 374 – 375. Diese Einheit aus Rock und Geist lässt sich auch bei Maschina Wremeni deutlich wiederfinden. Auf sie trifft die Bezeichnung „poetisch“ sicherlich besser zu als der des politisch belasteten Begriffes des Prophetischen.9Die Poetik der Musik machte es aus, ob eine Rockband als authentisch oder nicht authentisch, bzw. als gut oder böse kategorisiert wurde. Dieser Gedanke wurde durch das Empfinden der westlichen Rockbands – die auch als Poeten galten – innerhalb der sowjetischen Gesellschaft geprägt. Vgl.: Cushman, Thomas: Notes from Underground: Rock Music Counterculture in Russia, New York 1995 (= The Sociology of Culture), S. 103 – 104.

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