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Weitestgehend unbekannt: Zwangsarbeit auf Helgoland

Helgoland, die deutsche Hochseeinsel, ist für vieles bekannt: billigen Alkohol und Tabak, eine einzigartige Naturlandschaft, Erholung und Gesundheit und als Zeugnis der (militärischen) Geschichte des Zweiten Weltkrieges in Deutschland. Die Geschichte der Zwangsarbeiter*innen auf der Insel wurde bislang jedoch wenig erzählt.

Screenshot aus dem Konzept zur Gestaltung des Bunkerstollens.
 

Die Insel Helgoland sollte im Rahmen nationalsozialistischer Kriegspläne ein zentraler Stützpunkt der deutschen U-Bootflotte werden. Vor diesem Hintergrund begannen 1935 die Vorbereitungen, Helgoland in eine Rüstungslandschaft für den Seekrieg zu transformieren. Diese Pläne wurden allerdings nie abgeschlossen, ihr Erbe prägt die Insel dennoch bis in die Gegenwart: Die Insel wurde wegen ihrer vermeintlichen strategischen Bedeutung vermehrt Ziel alliierter Bombardements und jegliche Bebauung wurde zum Kriegsende fast vollständig vernichtet.1Herms, Michael: Flaggenwechsel auf Helgoland. Der Kampf um einen militärischen Vorposten in der Nordsee, Berlin 2002, S. 92. Die Erinnerung und das Trauma der Bevölkerung, die vom festländischen Exil aus der Vernichtung der Insel zusehen mussten, sind weitgehend bekannt und ein Teil der Erfahrung, die Besucher*innen Helgolands auch heute vermittelt wird: Die Führungen durch die Überreste des weitläufigen Zivilschutzbunkers gehören zu den am häufigsten nachgefragten touristischen Angeboten auf der Insel. Nun soll noch dieses Jahr ein erst kürzlich freigelegter Bunkerstollen, jenseits der bereits begehbaren Resten des Zivilschutzbunkers, für eine neue Dauerausstellung genutzt werden. Neben der Geschichte der Insel zwischen Aufrüstung, Widerstandsakten und den Erfahrungen der vielen Stunden in den Bunkeranlagen findet sich auch ein Thema, das fast vollständig in Vergessenheit geraten ist: der Einsatz von zivilen Zwangsarbeiter*innen und Kriegsgefangenen auf Helgoland.2Andres, Jörg und Freiherr von Neuhoff, Holger: Bunkerstollen im Unterland. Die Ausstellung. Zwischenstand 31. Oktober 2016, Helgoland 2016, S. 40. In dem Konzept des Bunkerstollen ist dem Thema Zwangsarbeit nur ein kleiner Teil zugedacht worden: in einer Nische sollen die Besucher*innen eine leicht gebeugte, weiße Figur sehen. Auf diese Figur soll „historisches Schwarz-Weiß Bildmaterial zum Thema Zwangsarbeit“ projiziert werden.3Ebd. Auch wenn dies nur ein kleines Fragment in der entstehenden Ausstellung darstellt, zeigt dieses Konzept den ersten Vorstoß, ein bislang kaum beachtetes Kapitel helgoländer Geschichte auf der Insel sichtbar zu machen.

Helgoland im Nationalsozialismus

Helgoland selbst ist stark von der Zeit des Nationalsozialismus geprägt worden. Die Militarisierung der Insel, die schließlich zur „Sprengung“ aller Strukturen vor Ort führte, bestimmt bis heute Architektur und Alltag auf Helgoland. Aber auch die Betrachtung der Helgoländer Bevölkerung im „Dritten Reich“ gleicht  einer Mikrostudie der nationalsozialistischen Gesellschaft. 1933 erschütterte die Verfolgung von 26 Männern in einem „Homosexuellen-Prozess“, der für einige Helgoländer in Konzentrationslagern endete, die Inselbevölkerung.4Herms, Michael: Flaggenwechsel auf Helgoland. Der Kampf um einen militärischen Vorposten in der Nordsee, S. 85. Im April 1945 versuchte eine Widerstandsgruppe, die kampflose Übergabe der Insel an die Alliierten zu erreichen. Dieser Versuch endete mit der Hinrichtung von fünf „Verschwörern“ in Cuxhaven.5Rüger, Jan: Helgoland. Deutschland, England und ein Felsen in der Nordsee, Berlin 2017, S. 323. Für sie wurden auf Helgoland Stolpersteine verlegt und die Erinnerung an diesen Akt von Widerstand in den letzten Kriegswochen bestimmt bis heute die Erinnerung im kollektiven Gedächtnis der Insulaner*innen. Dennoch ist die Geschichte Helgolands in der nationalsozialistischen Diktatur auch die Geschichte einer Täter*innengesellschaft. Denn auch auf Helgoland erzielte die NSDAP 1933 bei den Reichstagswahlen 50,6 % der Stimmen, sowie bei den Wahlen zur Gemeindevertretung 28,6 %.6Herms, Michael: Flaggenwechsel auf Helgoland. Der Kampf um einen militärischen Vorposten in der Nordsee, S. 81. Ebenso gab es auf der Insel eine aktive NSDAP und glühende Befürworter*innen der nationalsozialistischen Herrschaft. Gleichermaßen gab es auf Helgoland ein System der Zwangsarbeit, von der die breite Bevölkerung unmittelbar oder mittelbar profitierte. Das Trauma und die Leidensgeschichte der Helgoländer Bevölkerung nach 1945 sind verständlich und zeigen die grausamen Konsequenzen des Zweiten Weltkrieges auf, auch für die deutsche Bevölkerung. Dieses Opfernarrativ hat jedoch maßgeblich dazu beigetragen, dass die Erinnerung an die Zwangsarbeiter*innen und Kriegsgefangenen erst gegenwärtig langsam wiederentdeckt wird.

Zwangsarbeit im NS-System

Der Einsatz der Zwangsarbeit auf Helgoland steht im Kontext der allgemeinen Strategie des nationalsozialistischen Deutschlands: Mit dem Fortschreiten des Zweiten Weltkrieges setze das NS-Regime immer stärker auf den Einsatz von verschleppten zivilen Zwangsarbeiter*innen aus den besetzten Gebieten, besonders aus der damaligen Sowjetunion, aber auch auf den Einsatz von Kriegsgefangenen. Allein im Reichsgebiet wurden über 13 Millionen Zwangsarbeiter*innen eingesetzt, darunter neben Kriegsgefangenen und zivilen Zwangarbeiter*innen auch KZ-Häftlinge.7Holzmann, Ksenja: „Ostarbeiter“, in: Dekoder, online in: https://www.dekoder.org/de/gnose/ostarbeiter-zwangsarbeit-zeitzeugen. Zwangsarbeit war eines der sichtbarsten Verbrechen des Nationalsozialismus und in den späten Kriegsjahren ein Grundpfeiler dieses Systems, um den durch den Krieg verschärften Arbeitskräftemangel zu kompensieren.8Buggeln, Marc: Bunker Valentin. Marinerüstung, Zwangsarbeit und Erinnerung, Bremen 2016, S. 64f. Sie wurden auf landwirtschaftliche Betriebe verteilt, räumten Trümmer aus den bombardierten Städten, arbeiteten auf Baustellen der NS-Rüstungsvorhaben und in fast jedem erdenklichen Bereich. So verwundert es im Grunde nicht, dass auch auf der Nordseeinsel Zwangsarbeiter*innen eingesetzt wurden.

Der Einsatz von Zwangsarbeit im Reichsgebiet wurde zentral, unter anderem von der Organisation Todt (OT), einer paramilitärischen Logistikinstitution, organisiert. Diese verwaltete die Arbeitskraft von Menschen aus unterschiedlichen Herkunftsorten und mit unterschiedlichen Schicksalen: gefangene Angehörige alliierter Streitkräfte, zivile Arbeiter*innen aus den besetzten Gebieten, sogenannte „Arbeitsscheue und Asoziale“, auch aus Gebieten wie den Niederlanden oder politische Gefangene aus den Konzentrationslagern und später im Verlauf des Krieges auch italienische Militärinternierte. Für Helgoland legte die OT im November 1944 eine Sollstärke von 1016 Arbeiter*innen auf der Insel fest. Zu diesem Zeitpunkt waren allerdings nur 614 tatsächlich auf Helgoland im Einsatz. Wie groß der Anteil von Zwangsarbeitenden in dieser Zahl ist, lässt sich nicht genau feststellen. Aufgrund der Auslastungszahlen, die seitens der OT für die Lager auf Helgoland angegeben wurden, lässt sich jedoch von mindestes zwei Drittel Zwangsarbeiter*innen ausgehen.9Friedrichs, Astrid und Wallmann, Eckhard: Zwangsarbeit auf Helgoland im Zweiten Weltkrieg, Helgoland 2021, S. 8. Die Zusammensetzung der Zwangsarbeiter*innen und Kriegsgefangenen lässt sich nicht vollständig rekonstruieren. Es ist nicht abschließend festzustellen, ob es sich ausschließlich um Männer handelte, jedoch erscheint es mit Blick auf die Quellen wahrscheinlich. 10Da nicht abschließend ausgeschlossen werden kann, dass sich auch Frauen in den Lagern auf der Insel befanden, wird in diesen Text eine geschlechterneutrale Schreibweise verwendet.

Unsichtbare Orte

Ein Großteil der Menschen, die zum Arbeitseinsatz auf Helgoland gezwungen wurden, waren Kriegsgefangene der Roten Armee. Viele von ihnen Offiziere, die über das Kriegsgefangenen- Stammlager Sandbostel, das Stalag X B Sand­bos­tel, nach Helgoland kamen.11Friedrichs, Astrid und Wallmann, Eckhard: Zwangsarbeit auf Helgoland im Zweiten Weltkrieg, S. 7. Es finden sich jedoch auch Spuren niederländischer Zwangsarbeiter*innen. So geht aus Statistiken des Standesamtes Helgoland hervor, dass zwischen September 1944 und März 1945 mindestens drei Menschen mit holländischer Staatsangehörigkeit auf Helgoland gestorben sind, alle drei junge Männer.12Auszugsweise Abschrift aus den Sterbe-Zweitbüchern des Standesamtes Helgoland betreffend Todesfälle von holländischen Staatsangehörigen 1944-1945, [2034044] ITS Digital Archive, Arolsen Archives. Sie gehörten zu einer größeren Gruppe niederländischer „Arbeitsscheuer“, die über Umwege und verschiedene Stationen in Gefängnissen und Lagern auf die Nordseeinsel gekommen sind. Diese wurden in einem separaten „Lager für Häftlinge“ im Nordosten der Insel interniert.13Friederichs, Astrid: Zwangsarbeit auf Helgoland, in: Spurensuche Pinneberg, online in: https://www.spurensuche-kreis-pinneberg.de/spur/zwangsarbeiter-auf-helgoland-3/. Zu den Toten, von denen in den Akten des Standesamtes die Rede ist, gehörten auch der damals 22-jährige Jan van Goor und der 25-Jährige Jacob Veenstra. Von ihrem Tod berichtete auch der ehemalige Zwangsarbeiter Jan Adrian Bouma, der 1989 dem Institut für Kriegs-, Holocaust- und Genozidstudien in Amsterdam einen ausführlichen Bericht über seine Zeit auf Helgoland und in Deutschland gab.14Ebd. S. 32. Nach einem Bericht des ehemaligen Zwangsarbeiters Dick Jans gab es mindestens zwei Fälle von Suizid auf der Insel, die jedoch nicht angesprochen wurden unter den Zwangsarbeiter*innen. Jans berichtet außerdem von dem Gefühl, völlig isoliert und abgeschnitten vom Rest der Welt gewesen zu sein.15Ebd. S. 33. Der Arbeitsalltag der niederländischen Zwangsarbeiter*innen wird in den Schilderungen von Bouma und Jans ebenfalls sehr deutlich beschrieben: zu den typischen Arbeitsaufgaben gehörten Betonarbeiten und die Arbeit an den Tunneln der militärischen, wie auch zivilen Schutzanlagen. Die Arbeit in den engen Tunneln und bei jeglicher Witterung wird von den Zeitzeug*innen als sehr hart beschrieben. Die spärliche Kleidung, die sie dabeihatten, wurde schnell durch die harten Bedingungenverschlissen.16Ebd.
Insgesamt sind die Spuren der Zwangsarbeiter*innen schwer zu lokalisieren. Aus Berichten von Zeitzeug*innen und militärischen Aufzeichnungen der Kriegsmarine wird deutlich, dass es mehrere Lager auf Helgoland gegeben haben muss. Die tatsächliche Anzahl und die genauen Positionen der einzelnen Lager sind weitestgehend unklar.17Ebd. S. 34. In einer Übersicht der OT sind vier Lager erwähnt: „Alter Hafen“, „Oberland“, „Nordost Bau I“ und „Häftlinge“ (vielleicht auch zwischenzeitlich Nordost Bau II genannt) namentlich erwähnt.18Organisation Todt, [82361648] ITS Digital Archive, Arolsen Archives, zitiert nach: Friedrichs, Astrid und Wallmann, Eckhard: Zwangsarbeit auf Helgoland im Zweiten Weltkrieg, S. 33. Es scheint mindestens zwei Lager spezifisch für sowjetische Kriegsgefangene gegeben zu haben. Eines im Nordosten der Insel, größtenteils für sowjetische Offiziere. Ein weiteres Lager bestand aus einer einzelnen Baracke in der Nähe der militärischen Befestigungen auf dem Oberland der Insel. Auch an der Nordspitze der Insel könnte es ein weiteres Lager gegeben haben.19Fröhle, Claude und Kühn, Hans-Jürgen: Hochseefestung Helgoland. Eine militärische Entdeckungsreise Teil 2: 1934-1947, Efringen-Kirchen 1999, S. 88. Aus den Aufzeichnungen des damaligen Inselarztes Walter Kropatscheck wird klar, dass diese Lager weitestgehend von der Helgoländer Bevölkerung isoliert waren.20Kropatscheck, Walter: Nächte und Tage auf Helgoland. Aufzeichnungen des Inselarztes, Stuttgart 1972, S. 56. Jedoch beschrieben sowohl Kropatscheck, als auch andere Zeitzeug*innen immer wieder Begegnungen zwischen den Helgoländer*innen und den Gefangenen. Der Helgoländer Jacob Krüss etwa wurde 1943 angeklagt, weil er sowjetischen Gefangenen Brot auf ihren Arbeitsweg gelegt haben soll.21Niedersächsisches Landesarchiv, Staatsarchiv Stade Rep. 72/172 Cuxhaven Nr. 398, zitiert nach: Friedrichs, Astrid und Wallmann, Eckhard: Zwangsarbeit auf Helgoland im Zweiten Weltkrieg, S. 14.  Ähnliches berichten auch andere Zeitzeug*innen. Immer wieder ist auch von Tauschgeschäften die Rede, bei denen Nahrung oder Zigaretten gegen Spielzeug getauscht wurde, das von den Zwangsarbeiter*innen angefertigt wurde. Anhand dieses pragmatischen „Miteinanders“ wird auch die gegenseitige Nähe auf der kleinen Insel deutlich: der Einsatz und die Ausbeutung der Gefangenen waren deutlich sichtbar, da ihre Marschwege zu den vielfältigen Baustellen, wie am Großprojekt „Hummerschere“ 22„Hummerschere“ war der Name des Großprojektes zum Ausbau des Kriegshafens auf Helgoland. und an den Flugabwehrbefestigungen, mitten durch die Ortschaft führten.23Rüger, Jan: Helgoland. Deutschland, England und ein Felsen in der Nordsee, S. 301f. Allen Helgoländer*innen muss die Präsenz der Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter*innen bewusst gewesen sein.

Die Erinnerungen des Inselarztes sind eine der ausführlichsten Quellen, die zu diesem Thema vorliegen. Immer wieder beschreibt er Eindrücke und Zusammentreffen mit Zwangsarbeiter*innen und besonders eindrücklich die sowjetischen Kriegsgefangenen. Als Arzt scheint Kropatscheck auch relativ freien Zugang zu den Lagern der sowjetischen Gefangenen gehabt zu haben. So beschreibt er eine Szene, wie er die Gefangenen an einen der Lager besucht und scheinbar oder Intervention der Wachmannschaft mit diesem interagieren konnte.24Vgl. Kropatscheck, Walter: Nächte und Tage auf Helgoland. Aufzeichnungen des Inselarztes, S. 56. Seine Ausführungen müssen jedoch kritisch betrachtet werden, da sie zum einen stark rassistisch und antislawistisch, wenn auch vermeintlich wohlwollend, aufgeladen sind und zum anderen im Kontext der Machtverhältnisse im Nationalsozialismus klar aus einer Täterperspektiven verfasst worden sind. So beschreibt Kropatscheck etwa, wie Wunden an ihren „muskulösen Körpern“ sehr schnell heilen würden. Nicht so zugeneigt war er später ankommenden sowjetischen Gefangenen:

„In der Truppe, die wir bekommen haben, gibt es viele blonde, hochgewachsene Männer, die sehr unserem Schlag ähneln. […] So sieht allerdings nur der erste Schub aus. Später kommen dann die fremden Mongolengesichter, die Tag und Nacht stumm der leeren Wand zugekehrt sind.“25Ebd., S. 56.

Es wird deutlich, dass auch Kropatscheck Teile der NS-Rassenideologie in sein Denken übernommen hat. Die Zwangsarbeiter*innen und Kriegsgefangenen exotisierte er stark und betrachtete sie mit einer voyeuristischen Faszination. Kropatschecks Erinnerungen schrieb dieser 1972 in seinem Buch „Tage und Nächte auf Helgoland“ nieder. Auch die zeitliche Differenz muss beachtet werden. Innerhalb seiner Erinnerungen lässt Kropatscheck keinen Zweifel an seiner eigenen Opposition zum NS-System.26Ebd., S. 118-120. Vor diesem Hintergrund beschreibt er auch ein beinahe freundschaftliches Verhältnis zu den Zwangsarbeitenden. Diese Ausführungen sind in einem sehr apologetischen Tonfall gehalten, der den Autoren selbst sehr positiv darstellt.
Neben den niederländischen zivilen Zwangsarbeitern und den sowjetischen Kriegsgefangenen gab es noch eine größere dritte Gruppe, die der italienischen Militärinternierten, die ab 1943 auf die Insel kamen. Auch französische und belgische zivile Zwangsarbeiter*innen wurden auf Helgoland eingesetzt.27Friederichs, Astrid: Zwangsarbeit auf Helgoland, in: Spurensuche Pinneberg, online in: https://www.spurensuche-kreis-pinneberg.de/spur/zwangsarbeiter-auf-helgoland-3/.

Kriegsende, Befreiung und Erinnerung       

Als die Gefangenen auf der Insel am 11.05.1945 befreit wurden, waren die meisten von ihnen bereits nicht mehr dort.28Ebd., S. 118. Zum Ende des Krieges wurden reichsweit Zwangsarbeiter*innen, KZ-Häftlinge und Kriegsgefangen zusammengezogen und meist in die zentraler im Reich gelegenen Lager gebracht. Im Falle der Gefangenen auf Helgoland wurden Ende 1944 viele von ihnen zu einem weiteren Arbeitseinsatz in Fallersleben bei den VW-Werken in Wolfsburg gebracht. Nach Kriegsende finden sich kaum Zeugnisse dessen, was mit dem Zwangsarbeiter*innen auf Helgoland geschehen ist. Sowohl in den Niederlanden als auch in der Sowjetunion waren die Heimgekehrten strukturellen Vorwürfen von Kollaboration ausgesetzt, während ihnen seitens der deutschen Behörden keinerlei Entschädigung angeboten wurde. Erst in den frühen 2000er Jahren wurde eine neue Debatte um die Entschädigung von NS-Zwangsarbeiter*innen geführt.

Im Zuge dieses späten Versuchs der Wiedergutmachung meldeten sich viele ehemalige Zwangsarbeiter*innen aus ganz Europa. Unter ihnen auch der Ukrainer Afanassij I. Plachtij. Er geriert als 23-Jähriger 1942 in Kriegsgefangenschaft. Zusammen mit 110 weiteren Gefangenen wurde er von der Ostfront über verschiedene Stationen zum Arbeitseinsatz auf die Insel Helgoland gebracht.29Herms, Michael: Flaggenwechsel auf Helgoland. Der Kampf um einen militärischen Vorposten in der Nordsee, S. 93 Bis zum November 1944 leistete er dort Zwangsarbeit. Plachtij hat in Gesprächen mit der KZ-Gedenkstätte Neunengamme im Jahr 2000 die Situation auf der Insel umfangreich geschildert. So beschrieb er auch:

„Wir wussten vom Befehl des Kommandanten der Insel, im Falle eines Landungsversuches alle Kriegsgefangenen auf der Insel zu vernichten. Gott sei Dank ist das nicht geschehen.“ 30Plachtij beschrieb seine Zeit auf Helgoland in Briefen an die Gedenkstätte Neuengamme. Zitiert hier nach: Herms, Michael: Flaggenwechsel auf Helgoland. Der Kampf um einen militärischen Vorposten in der Nordsee, S. 94.

Inwieweit diese Angst der Gefangenen begründet war, lässt sich nicht rekonstruieren. Das Zitat zeigt jedoch die stätige Angst, der die Kriegsgefangenen ausgesetzt waren. Plachtij und die anderen Gefangenen mussten 12 Stunden am Tag sehr harte körperliche Arbeit auf der Insel ausführen. Dazu gehörte das „Steinkommando“, dessen Aufgabe das Entladen der Steinlieferungen vom Festland und deren Transport zu den Baustellen war.31Ebd.  Nachdem immer mehr der Baustellen durch alliierte Luftangriffe vernichtet wurden, verließ ein Großteil der Häftlinge im November und Dezember 1944 die Insel, so auch Afanassij I. Plachtij. Auch er verbrachte eine kurze Zeit in Fallersleben, bis er nach einem Fluchtversuch anderer Häftlinge in das KZ Neuengamme gebracht wurde. Nach der Räumung des Konzentrationslagers wurde er zusammen mit anderen Häftlingen und Überlebenden der Todesmärsche32Siehe zu den Todesmärchen und ihrem Ende am Lübecker Hafen auch: Auf den Spuren einer Tragödie, in: Arolsen Archives, online in: https://arolsen-archives.org/stories/cap-arcona/. im Lübecker Hafen auf das Schiff „Thielbek“ gebracht, das wie auch das Schiff „Cap Arcona“ aus ungeklärten Gründen von alliierten Bombern versenkt wurde.33Vgl. Ebd. Plachtij gehörte zu den wenigen Überlebenden, die sich an Land retten konnten.

Trotz der Berichte verschiedener Zeitzeug*innen ist bis heute das Thema Zwangsarbeit auf Helgoland weitestgehend unbekannt. Die geplante Ausstellung stellt einen ersten Impuls dar, dieses Thema mehr in den Fokus zu rücken. Wie oft bei der Aufarbeitung lokaler NS-Geschichte(n) geht auch hier die Initiative auf engagierte Menschen vor Ort zurück. In diesem Fall insbesondere auf die engagierte Helgoländerin Astrid Friedrichs und das Museum Helgoland.

Auf der Seite Spurensuche Pinneberg findet sich einzelne Beiträge und eine Auflistung einiger Gefangenen, die von Astrid Friedrichs identifiziert werden konnten.

Fußnoten[+]