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Und jetzt, Lennart Onken?

Obwohl die Bandbreite beruflicher Möglichkeiten mit einem Geschichtsstudium schier unendlich ist, stehen nicht nur an dem Studium interessierte Personen, sondern auch so manche*r Absolvent*in vor dieser Frage. Wir haben Lennart Onken gefragt, was macht man mit einem Geschitsabschluss?

Lennart Onken
 

1.  Kannst du dich in einigen Worten kurz vorstellen?

Mein Name ist Lennart Onken, ich bin 27 Jahre alt und arbeite als wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte zur Erinnerung an die Opfer der NS-Verbrechen. In dieser bin ich für Sonderausstellungen zuständig, konzipiere also insbesondere die jährlich anlässlich des Gedenktages für die Opfer des Nationalsozialismus im Hamburger Rathaus gezeigten Wanderausstellungen der Stiftung.

2. Wie bist du auf ein geschichtsbezogenes Studium gekommen?

Nach meinem Abitur wollte ich nicht direkt studieren, sondern – wie so viele – erstmal was anderes machen. Ich fing ein Freiwilliges Soziales Jahr in der Gedenkstätte Bergen-Belsen an. Die Tätigkeit dort faszinierte mich so sehr, dass in mir der Wunsch wuchs, in meinem Bachelor Kulturwissenschaften und Geschichte zu studieren.

3. Wo hast du Geschichte studiert und was waren deine Schwerpunkte und Interessen?

In der Wahl der Studienfächer, Seminare und Vorlesungen war mir neben einer transnationalen Ausrichtung immer wichtig, mich auch mit philosophischen und literaturwissenschaftlichen Fragestellungen und Zugängen zu beschäftigen. Deshalb habe ich nicht „nur“ Geschichte studiert, sondern dies mit anderen Fächern kombiniert. Nach meinem Bachelor an der Universität Leipzig habe ich dann meinen Master in „Jüdische Studien“ an der Universität Potsdam gemacht. Die Entscheidung war vor allem dem Umstand geschuldet, dass man in Deutschland, wenn man über Jüdinnen und Juden redet, sofort an die Shoa denkt, aber ansonsten wenig über die Geschichte jüdischen Lebens in Deutschland weiß – und das, obwohl sich in der jüdischen Geschichte die zentralen Entwicklungen der Moderne wie in einem Brennglas verdichten. Das wollte ich ändern und mich intensiver damit auseinandersetzen.

4. Hattest du von Anfang an bestimmte Vorstellungen für die spätere Berufswahl? Und wenn nicht: Haben sich deine Berufswünsche mit der Zeit entwickelt oder war das nach deinem Studium noch völlig offen für dich?

Mir war schon klar, dass ich gerne im akademischen Bereich bleiben würde, weil mir die wissenschaftliche Arbeit einfach Spaß macht. Dadurch, dass ich nach meinem Freiwilligen Sozialen Jahr noch weiterhin als freiberuflicher Guide in der Gedenkstätte Bergen-Belsen gearbeitet habe, blieb ich der Gedenkstättenarbeit immer verbunden, wenngleich mich die zumeist prekären Beschäftigungsverhältnisse schon etwas abgeschreckt haben. Als sich zeitgleich zum Abschluss meines Masters die Perspektive eines wissenschaftlichen Volontariats in der KZ Gedenkstätte Neuengamme eröffnet hat, musste ich dann aber nicht lange überlegen.

5. Hättest du dich am Anfang deines Studiums dort gesehen, wo du gerade beruflich stehst?

Ich hätte in jedem Fall nicht damit gerechnet. Eigentlich hatte ich mich schon mit dem Gedanken angefreundet, über Jahre hinweg zeitlich befristete Projektstellen besetzen zu müssen. Aber am Ende hat es dann einfach richtig gut gepasst.

6. Kannst du deinen beruflichen Werdegang nachzeichnen und wie du in die Abteilung „Sonderausstellungen“ in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme gekommen bist?

Nach meinem Freiwilligen Sozialen Jahr und der langjährigen Tätigkeit als freiberuflicher Guide in der Gedenkstätte Bergen-Belsen habe ich im September 2019 mein wissenschaftliches Volontariat in der KZ Gedenkstätte Neuengamme angefangen. Zum September 2019, also zum Ende des Volontariats, wurde in der neugegründeten Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte zur Erinnerung an die Opfer der NS-Verbrechen, zu der auch die KZ Gedenkstätte Neuengamme gehört, eine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter für Sonderausstellungen frei. Da das Aufgabenprofil der neuen Stelle perfekt zu meiner bisherigen Tätigkeit als Volontär passte und ich mich mit den Kolleg:innen wunderbar verstand, habe ich mich beworben – und bin glücklicherweise genommen worden.

7. Was sind die Aufgaben in deiner aktuellen Tätigkeit?

Zentrale Aufgabe ist die Konzeption der jährlich anlässlich des Tages des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar im Hamburger Rathaus gezeigten Wanderausstellungen, die jedes Jahr einen neuen thematischen Fokus setzen. Ich übernehme hier das gesamte Aufgabenspektrum: Von der Ideenfindung und Erstellung der Grobkonzepte über die Archivrecherchen, die Textproduktion und Exponatauswahl, die Koordination der Zusammenarbeit mit Lektor:innen, Übersetzer:innen und Gestalter:innen und Klärung der Nutzungsrechte bis hin zur Erstellung umfangreicher Begleitprogramme. Darüber hinaus helfe ich bei der Organisation wissenschaftlicher Tagungen und Veranstaltungen und habe dankenswerterweise auch selbst Gelegenheit, Vorträge zu halten und Aufsätze zu schreiben.

8. Was ist das besondere an deiner Arbeitsstätte und was hat dich dazu bewogen, dich auf diese Stelle zu bewerben?

Das Besondere an meiner Arbeitsstätte ist zunächst einmal die Verbindung zu dem, was landläufig als „historischer Ort“ bezeichnet wird. Die KZ-Gedenkstätte Neuengamme befindet sich auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Neuengamme. Sie erinnert an über 100.000 Menschen aus ganz Europa, die von den Nationalsozialisten im Hauptlager oder einem der über 85 Außenlager inhaftiert wurden. Unsere Büros befinden sich im sogenannten „Steinhaus 1“, einem Gebäude, das noch aus der Zeit des Konzentrationslagers erhalten ist. Das Haus wurde damals als „Schonungsblock“ genutzt, an dem die besonders geschwächten und dem Tode geweihten Häftlinge untergebracht waren und dahin vegetierten.
Aufgabe der Gedenkstättenarbeit ist es, die Erinnerung an die Verfolgten wach zu halten und der Gesellschaft ein kritisches Geschichtsbewusstsein zu vermitteln, das den Nationalsozialismus nicht einfach als „abgeschlossen“ verklärt, sondern seine Nachwirkungen bis in die Jetzt-Zeit untersucht. Hierfür eignet sich das Medium „Ausstellung“ ganz besonders, lässt sich Geschichte dadurch doch im wahrsten Sinne des Wortes begreifbar machen.

9.  Was würdest du als junger Historiker (Geschichts-)studierenden bezüglich der Berufsoptionen mit auf den Weg geben?

Zuallererst würde ich allen empfehlen, ihr Studium nicht nur nach Karriereperspektiven auszurichten. Geschichtsbewusstsein ist nicht dazu da, eine Lohnarbeit zu finden, sondern gesellschaftliche Verhältnisse und Zustände als menschengemacht und historisch gewachsen zu erkennen und damit auch das Potenzial für Veränderungen offenzulegen. Leider wird das auf dem stark umkämpften Arbeitsmarkt nicht honoriert. Wer beruflich Fuß fassen will, kommt wohl um (unbezahlte) Praktika, Studierendenjobs, freiberufliche Tätigkeiten und vielleicht auch ein wissenschaftliches Volontariat nicht herum. Dabei gilt aber auch, dass man sich nicht jedes prekäre Beschäftigungsverhältnis gefallen lassen muss.

Vielen Dank!