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Baltijas Universitāte. Die Baltische Universität in Hamburg und Pinneberg 1946-1949

Am 14. März 1946 nahm in Hamburg eine Universität ihren Betrieb auf, die hierzulande nur einer geringen Anzahl an Personen bekannt ist. Und das, obwohl während ihrer gesamten Existenz 1946-1949 etwa 2600 Personen die Lehranstalt durchlaufen haben. Die Rede ist von der Baltischen Universität, die von 1946 in Hamburg verortet war, ehe sie 1947 in die ehemalige Luftwaffenkaserne in Pinneberg verlegt wurde. Die Studierendenschaft setzte sich ausschließlich aus estnischen, lettischen und litauischen DPs zusammen und ist bis heute ein wichtiges Beispiel für die Selbstorganisation sogenannter Displaced Persons.

Banner der Baltischen Universität mit den Wappen und Flaggen der drei baltischen Staaten
 

Der litauische Historiker Tomas Balkelis schreibt: „At the end of Second World War refugees were everywhere: on the roads and streets, in cellars, bomb shelters, train stations and army barracks. They had, in Modris Eksteins’ words, become ‘the symbolic centrepiece’ of war.“1Balkelis, Tomas: Living in Displaced Persons Camp: Lithuanian War Refugees in the West, 1944-54, in: Peter Gatrell, Nick Baron [Hrsg.]: Warlands. Population Resettlement and State Reconstruction in the Soviet-East European Borderlands, 1945-50, Basingstone 2009, S. 25. Die Alliierten schätzten die Zahl der Menschen, die während des Kriegsgeschehens nach Deutschland verschleppt wurden, bei Kriegsende im Mai 1945 auf 10-12 Millionen.2Hilton, Laura: Cultural Nationalism in Exile: The Case of Polish and Latvian Displaced Persons, in: The Historian 71, 2 (2009), S. 280. Es handelte sich um Kriegsgefangene, KZ-Häftlinge, zivile Zwangsarbeiter*innen, Vertriebene oder Kollaborateur*innen des Dritten Reiches.3Ebenda.

Die United Nations Relief and Administration (UNRRA), die bereits 1943 gegründet wurde, um die Repatriierung verschleppter Menschen zu organisieren, konnte in den unmittelbaren Nachkriegsmonaten etwa 4,6 Millionen DPs aus den westlichen Besatzungszonen bei ihrer Rückkehr in die Heimat verhelfen.4Tegeler, Tillmann: Esten, Letten und Litauer in der Britischen Besatzungszone Deutschland. Aus den Akten des „Foreign Office“, in: Jahrbücher für die Geschichte Osteuropas 53,1 (2005), S. 44. Ende 1945 befand sich in Deutschland allerdings immer noch eine Million Menschen, die in die alliierte Kategorie der Displaced Persons fielen. Ein Teil konnte aufgrund der schwierigen Verhältnisse des nahenden Winters nicht repatriiert werden, andere hatten nach der politischen Neuordnung vor allem Osteuropas nicht mehr das Interesse, in ihre ursprüngliche Heimat zurückzukehren.5Siehe Tegeler: Esten, Letten und Litauer, S.45. Laura Hilton nennt eine Zahl von 224 000 Personen, die eine Rückkehr in die nunmehr der Sowjetunion angeschlossenen Staaten verweigerten, davon etwa 39 000 Lett*innen, 28 500 Litauer*innen und 14 000 Estn*innen.6Siehe Hilton: Cultural Nationalism in Exile, S. 280. Tilman Tegeler kommt hingegen auf eine wesentlich höhere Zahl, nämlich etwa 129 520 Balt*innen, siehe Tegeler: Esten, Letten und Litauer, S. 47. Die brutale Besetzung der baltischen Staaten durch die Sowjetunion und die Deportationen von Balt*innen, Est*innen und Litauer*innen im Jahr 1941 führte zu wenig Vertrauen in die Sowjetunion. Diese nahm aber für sich in Anspruch, „ihre Bürger*innen“ heimzuführen, weswegen die DPs auch konstant sowjetischer Propaganda in den DP-Camps ausgesetzt waren. Dazu Balkelis: Living in Displaced Persons Camp S. 28 ff. und Teleger: Esten, Letten und Litauer, S. 46 ff. Damit stellten sie gemeinsam mit polnischen DPs etwa zwei Drittel der nicht repatriierbaren Personen in den westlichen Besatzungszonen.7Ebenda.

Laut Christian Pletzing gehörten viele der baltischen DPs dem gebildeten Bürgertum an, darunter tausende Intellektuelle, Künstler*innen, Wissenschaftler*innen oder Kleriker.8Pletzing, Christian: Displaced Persons. Esten, Litauer und Letten im Lübeck der Nachkriegszeit, in: Nordost-Archiv N.F. XIX (2010), S. 198. So ist es nicht verwunderlich, dass der Drang nach Wissen und Bildung sich auch in dem Wunsch äußerte, die noch recht junge akademische Tradition in Estland, Lettland und Litauen fortzuführen und dem Hochschulpersonal unter den baltischen DPs Arbeits- und Forschungsmöglichkeiten auch unter Exilbedingungen zu ermöglichen.9Siehe Velke, Marcus: Baltisches Exil in Bonn: Der Baltische Christliche Studentenbund (BCSB), in: Christian Pletzing; Marcus Velke [Hrsg.]: Lager – Repatriierung – Integration. Beiträge zur Displaced Persons Forschung (DigiOst Band 4), S. 231. Ende 1945 hatten beispielsweise lettische DPs bereits 122 Grundschulen und 57 Gymnasien in den westlichen Besatzungszonen gegründet, siehe Grāmatiņš, Arnolds: Die Baltische Universität in Hamburg und Pinneberg 1945-1949, in: Annaberger Annalen 21 (2013), S. 226.

Aber auch die Tatsache, dass beispielsweise die britische Militärverwaltung den Universitäten verordnete, nur 10% der verfügbaren Studienplätze an ausländische Personen zu vergeben und der Zugang zu deutschen Hochschulen somit stark eingeschränkt war, vergrößerte den Bedarf an eigenen Hochschuleinrichtungen. Für die Universität in Bonn, die zum Wintersemester 1945/1946 eröffnete, bedeutete dies zum Beispiel, dass von insgesamt 2500 Studienplätzen nur 250 Plätze an ausländische Studierende vergeben werden konnten.10Siehe Velke: Baltisches Exil in Bonn, S. 231 Dass allerdings eine eigene Hochschule für DPs funktionieren konnte, zeigte die Gründung der UNRRA-Universität im Februar 1946 in München, die zwar tendenziell allen DPs offen stand, die aber vor allem von baltischen Studierenden stark frequentiert wurde.11Siehe Tegeler: Esten, Letten und Litauer, S. 55.

Anfangs versuchten baltische Professoren aus Lübeck, an der Universität Hamburg ein eigenes Kontingent an Studienplätzen für baltische Studierende zu erwirken. Da die Studienplätze aufgrund mangelnder Lehrkräfte und zerstörter räumlicher Kapazitäten generell begrenzt waren, wurde diese Forderung abgelehnt und somit versucht, eine andere Form zu finden, um baltischen Interessierten ein Studium zu ermöglichen. Estnische, lettische und litauische Vertreter*innen setzten sich alsdann zusammen, um der britischen Militärverwaltung die Gründung von „akademischen Kursen“ für die DPs aus den baltischen Staaten vorzuschlagen.12Siehe Grāmatiņš: Die Baltische Universität in Hamburg und Pinneberg 1945-1949, S. 227

Dass sich Professoren aus Lübeck für Kurse in Hamburg einsetzten, ist nicht verwunderlich, wenn man  die regionale Verteilung baltischer DPs betrachtet. Lübeck zählte zu den Zentren baltischer DPs in Norddeutschland, in keiner anderen Stadt in der britischen Besatzungszone war die Dichte an baltischen DPs so hoch wie in Lübeck.13Siehe Pletzing: Displaced Persons. Esten, Litauer und Letten im Lübeck der Nachkriegszeit, S.200 Generell war Lübeck aufgrund des geringen Zerstörungsgrades und als Angelpunkt zwischen britischer und sowjetischer Besatzungszone die am stärksten mit Geflüchteten belegte Stadt in Norddeutschland.14Ebenda, S. 201. Christian Pletzing geht davon aus, dass 20-30% der baltischen DPs in der britischen Zone in Lübeck wohnten.15Ebenda. Das Lettische Nationalkomittee hatte ihren Sitz in der Hansestadt und auch estnische und lettische regionale Nationalkommittees hatten sich etabliert.16Siehe Pletzing: Displaced Persons, S. 212. Der erste Vorsitzende des lettischen Nationalkommittees, Rūdolfs Bangerskis wurde im Juni 1945 von den Briten verhaftet, da er Generalleutnant der lettischen Waffen-SS gewesen war, ebenda. Da der Wunsch groß war, die Hochschulkurse für baltische Studierende in der Nähe einer Universität abzuhalten, bot sich Hamburg aufgrund der Nähe zu Lübeck an.17Grāmatiņš: Die Baltische Universität in Hamburg und Pinneberg 1945-1949, S. 227.

Unterstützung erhielten sie von vielen Angehörigen der Militärverwaltung, die selbst Lehrkräfte an britischen Universitäten gewesen waren.18Ebenda Aber auch der Rektor der Universität Hamburg Prof. Dr. Wolff sowie der Hamburger Schulsenator Heinrich Landahl boten ihre Unterstützung an19Ebenda. Bereits einen Monat nach Einreichung des Vorschlags wurde den baltischen DPs im November 1945 vom britischen Außenministerium erlaubt, die Baltische Universität zu gründen.20Ebenda. Ende Dezember 1945 setzten sich 40 Dozierende im Hochhaus der Versicherungsgesellschaft „Deutscher Ring“ zusammen, um die Verfassung der Universität und die Studiengänge auszuarbeiten, in diesem sollten später auch die Vorlesungs- und Wohnräume für Lehrende und Studierende entstehen21Ebenda. Am 9. Januar 1946 wurde die Baltische Universität offiziell als gegründet erklärt.

Die Universitätsgründung maßgeblich vorangetrieben hatten die Letten Fricis Gulbis, Edgars Dunsdorfs und Eižens Leimanis, die in Lettland vor dem Kriegsgeschehen als Professoren gearbeitet hatten. Die Leitungsposten der Universität wurden jedoch paritätisch besetzt. Den Posten des Universitätspräsidenten teilten sich jeweils ein estnischer (Prof. Dr. Ernst Öpik), ein lettischer (Prof. Dr. Edgars Dunsdorfs) und ein litauischer Direktor (Prof. Vladas Stanka), die acht Fakultäten wurden von Dekan*innen der jeweils drei Nationalitäten vertreten.22Ebenda, S.228. Auch im Sekretariat arbeiteten jeweils eine lettische, eine litauische und eine estnische Sekretärin.23 Siehe Siehe Velke: Baltisches Exil in Bonn, S.232ff. Der Historiker Marcus Velke nennt die Baltische Universität eine der ersten, wenn nicht das erste „Joint Venture“ des baltischen Exils nach 1945.24Ebenda, S. 233.

Baltische Studierende vor dem Banner der Baltischen Universität
 

Die acht Fakultäten teilten sich folgendermaßen auf: 1. Die philosophische und philologische Fakultät mit Abteilungen für Philologie mit Lehrstühlen für baltische, germanische, romanische und finno-ugrische Sprachen, Geschichte, Philosophie, Pädagogik und Theologie, 2. Wirtschaftswissenschaftliche und juristische Fakultät, 3. Fakultät für Mathematik und Naturwissenschaften mit den Fächern Mathematik, Astronomie, Physik, Geophysik, Geologie, Geographie, Botanik und Zoologie, 4. Die Fakultät für Agrarwissenschaft mit den Fächern Landwirtschaft, Forstwirtschaft und Veterinärmedizin, 5. Die medizinische Fakultät für Human- und Zahnmedizin, 6. Fakultät für Architektur und Bauingenieurswesen, 7. Fakultät für Chemie mit den Fächern Chemie, Pharmazie und chemische Technologie, 8. Fakultät für Maschinenbau mit Fächern für Maschinenbau, Technologie und Elektrotechnik.25Siehe Grāmatiņš: Die Baltische Universität in Hamburg und Pinneberg 1945-1949, S. 227ff.

Bevor die Baltische Universität jedoch ihren Betrieb am 14. März 1946 aufnehmen konnte, musste sie den Deutschen Ring verlassen und in das stark zerbombte Museum für Hamburgische Geschichte ziehen, die Sanierungsmaßnahmen des Museums waren dabei maßgeblich entscheidend für die Öffnung der Universität im März.26Ebenda, S. 230. Untergebracht wurden Lehrende, Verwaltungsmitarbeiter*innen und Studierende in den Baracken des „Zoo-Lagers“ am Dammtor auf dem heutigen Messegelände in der Nähe von Planten un Blomen. Das DP-Camp „Zoo“ war das größte Transitlager für Displaced Persons in Hamburg und wurde in zwei vormals von der Deutschen Arbeitsfront und der Werft Blohm & Voss betriebenen Zwangsarbeiter*innenlagern eingerichtet.27Siehe Tafel 17 der Rathausausstellung der KZ-Gedenkstätte Neuengamme „Überlebt! Und nun? NS-Verfolgte in Hamburg nach ihrer Befreiung“ (2020), online in: http://media.offenes-archiv.de/Tafel_17_Camp%20Zoo.pdf. Nachdem etwa 80 000 DPs in den ersten vier Nachkriegsmonaten über das Camp repatriiert wurden, diente es von September 1945 bis Januar 1950 als Camp für Personen, die nicht in die Heimat zurückkehren konnten bzw. wollten.28Ebenda.

Die Professor*innen der Baltischen Universität wohnten ohne ihre Familien in kleineren Baracken, das restliche Lehrpersonal sowie die Studierenden teilten sich zu sechst bis zehn jeweils einen Raum in den größeren Baracken.29Siehe Grāmatiņš: Die Baltische Universität, S. 230. Nachdem das DP-Camp überfüllt war, wurden in einem weiteren Camp in Alsterdorf weitere Räumlichkeiten bereitgestellt.30Ebenda. Als sich herausstellte, dass die Baracken im Hinblick auf die steigenden Exporte nach England letzten Endes für Hafenarbeiter gebraucht wurden, wurde klar, dass das Lehrpersonal und die Studierenden mit ihrer Universität nicht in Hamburg würden bleiben können. Als Alternativen wurden die Torpedoschule in Eckernförde und später die ehemalige Luftwaffenkaserne in Pinneberg vorgeschlagen. Als die Entscheidung auf Pinneberg fiel, versuchte eine Gruppe aus Studierenden, die sich im schlechten Zustand befindlichen Räumlichkeiten notdürftig instand zu setzen, ehe der Umzug im Winter 1946/1947 umgesetzt wurde. Somit vollzog sich der Wandel der Baltischen Universität von einem Provisorium zu einer festen Institution.31Ebenda, S. 232.

Tillmann Tegeler weist jedoch darauf hin, dass das Verhältnis der Hochschule zu der britischen Militärregierung trotz aller Erfolgsmeldungen nicht konfliktfrei war. So wurde es der Universität im August 1946 verboten, sich Universität zu nennen und der Name zu „Study Centre“ umgeändert.32Siehe Tegeler: Esten, Letten und Litauer, S. 55. Grāmatiņš schreibt währenddessen, dass der Name der Universität bis zu 11 Mal geändert worden war und zwischenzeitlich auch „Hamburg DP University“ hieß, siehe Grāmatiņš: Die Baltische Universität, S. 234. Der Hintergrund dieses Verbots war, dass die britischen Alliierten in der Hochschule nur eine vorübergehende Institution sahen, die auf das Studium an regulären Hochschulen vorbereiten sollte.33Siehe Tegeler: Esten, Letten und Litauer, S. 56. Auch die Leitlinien der Lehranstalt wurden auf eine explizite Vorbereitung der Studierenden auf ein Studium umgeändert. Dies änderte aber wenig an der Weiternutzung des Namens und des Curriculums der Hochschule, die mit den Lehrplänen an regulären Universitäten vergleichbar war.34Ebenda.

Aber auch bei der Bezahlung der Lehr- und Verwaltungskräfte wurden die baltischen DPs benachteiligt. Laut Arnolds Grāmatiņš bekamen die Lehrkräfte in den ersten beiden Semestern keine Entlohnung, 210 Lehrkräfte und 18 Verwaltungsangestellte*n arbeiteten regulär, ohne eine Bezahlung für ihre Tätigkeit zu erhalten.35Siehe Grāmatiņš: Die Baltische Universität, S. 230. Später sollten nur die Professor*innen sowie ihre Assistent*innen ein Gehalt zwischen 575 und 950 RM bzw. 350 RM erhalten.36Ebenda. Da der britischen Militärverwaltung die potenzielle Summe zu hoch war, überwies sie pauschal 50.000 RM an 184 Gehaltsempfänger*innen.37Ebenda. Aus Solidarität zahlten diejenigen, die ein Gehalt bekamen, dieses in eine gemeinsame Kasse ein, aus der die Personen bezahlt wurden, die keine Entlohnung erhielten. Aus dieser Kasse wurden jedoch auch Lehrmittel und notwendige Materialien bezahlt.38Ebenda, S. 231. Die Anzahl der Gehaltsempfänger*innen wurde von der Militärverwaltung kontinuierlich reduziert, im August 1948 standen nur noch 95 und 1949 44 Personen auf der offiziellen Gehaltsliste.39Ebenda.

Als das Resettlement-Programm der britischen Militärverwaltung begann, das zum Ziel hatte, einen Teil der nicht repratriierbaren DPs als Arbeitskräfte nach Übersee überzusiedeln, wurde die Hochschule mit weiteren Restriktionen überzogen. Es kam zu einer Zulassungsbeschränkung, nach der Studierende über 25 Jahren, die bereits zwei Semester studiert hatten, vom Studium ausgeschlossen wurden, die restlichen Studierenden sollten nur noch zwei Semester weiterstudieren dürfen.40Tegeler: Esten, Letten und Litauer, S. 56. Auch das Lehrpersonal sollte reduziert werden. Trotz Protesten seitens der Universitätsangehörigen und zeitweise gelockerten Regelungen wurde die Schließung der Universität zum 30. September 1949 beschlossen.41Ebenda. In der Zeit von März 1946 bis September 1949 waren über 2000 Studierende (etwa 66% männlicher und 34% weibliche Studierende) an der Baltischen Universität immatrikuliert, etwa 60.000 Vorlesungsstunden waren abgehalten und 67 wissenschaftliche Publikationen veröffentlicht worden, 76 Studierende haben einen offiziellen Abschluss absolviert.42Ebenda. Im Vergleich dazu waren an den Universitäten in den westlichen Besatzungszonen im Jahr 1947 allein 2180 litauische DPs immatrikuliert.43Balkelis, Tomas: Living in Displaced Persons Camp, S. 41.

Der lettische Direktor der Universität Edgars Dunsdorfs beschrieb die Arbeit der Lehranstalt folgendermaßen: „Die Baltische Universität war die Pflegerin der Traditionen der Baltischen Hochschulen im Exil. Sie ist ein edles Vorbild für die Zusammenarbeit von drei Völkern. Abgesehen von nationalen Interessen, hatten sich die estnischen, litauischen und lettischen Akademiker in einer festen Gemeinschaft zusammengeschlossen. Die gegenseitigen freundschaftlichen und vertraulichen Beziehungen, die im dreijährigen Bestehen der Baltischen Universität entstanden und immer fester wurden, sind ein bedeutender Faktor für die Zusammenarbeit dieser drei Völker in der Zukunft.“44Siehe Grāmatiņš: Die Baltische Universität, S. 236ff. Da es von den an der Universität immatrikulierten Studierenden bislang kaum übersetzte Selbstzeugnisse gibt, erschwert es zumindest mit einem deutsch- oder englischsprachigen Zugang, die Perspektive der Studierenden an der Baltischen Universität zu rekonstruieren.

Eine interessante Perspektive zeigt Dunsdorfs mit seinem Bezug auf die Universität als „Pflegerin der Traditionen“ und der „festen Gemeinschaft“ der drei Nationalitäten auf. Laura Hilton hat nämlich zumindest für die lettischen und polnischen DPs aufgezeigt, dass die Förderung von Kultur unterschiedliche Ziele hatte und dazu diente, durch Bildung, Literatur, Kunst, Sprache, Traditionen, Religion und Geschichte eine starke Bindung unter den DPs zu schaffen und somit trotz unterschiedlicher sozialer, ökonomischer und politischer Hintergründe eine Gemeinschaft und eine gemeinsame Identität zu erschaffen.45Siehe Hilton: Cultural Nationalism in Exile, S. 181ff. Somit fällt die Gründung der Baltischen Universität in die Kategorie „kultureller Nationalismus“, der für die jeweiligen nationalen Gruppierungen wichtige identitätsstiftende Faktoren hatte, die sie außerhalb ihrer Heimat im Exil verband.

Kultureller Nationalismus hatte aber auch für die Repräsentanz der Gruppen nach außen eine Bedeutung: „Cultural nationalism served as a mechanism of self portrayal to the larger world, particularly toward the Western countries to which many hoped to immigrate. It allowed DPs to present a positive, unified image of themselves that emphasized their strong commitment to democracy and Christianity and their rejection of Communism […].“46Ebenda, S. 282. Die Gründung und Etablierung von Formaten wie Radiosender, Zeitschriften, Musicals oder Bildungsinstitutionen können also als Ausdruck gemeinsamer nationaler Identität gewertet werden. Zur Etablierung eines vielfältigen Kulturbereichs motivierte sicherlich auch, dass es laut Tomas Balkelis der einzige Bereich war, der von den Alliierten nicht eingeschränkt wurde: „The DP camp became a site where the ‘national spirit’ was to be forged and defended. This was to be achieved through cultural activity, the only relatively unrestricted field left to the refugees. For many DPs this became a means of maintaining their self-respect and dignity in the monotonous and depersonalising life of the camp.“47Siehe Balkelis: Displaced Persons Camp, S. 38.

Auf der Seite der lettischen nationalen Enzyklopädie können einige historische Fotos der Baltischen Universität und ihren Angehörigen in Hamburg und Pinneberg eingesehen werden: https://enciklopedija.lv/skirklis/39601-Baltijas-Universit%C4%81te

Die Situation der baltischen DPs in den DP-Camps und ihre teilweise willkürliche Behandlung durch die britische Militärregierung konnte in dem Artikel stellenweise nur angerissen werden, dazu aber unter anderem in folgender Literatur mehr:

Balkelis, Tomas: Living in Displaced Persons Camp: Lithuanian War Refugees in the West, 1944-54, in: Peter Gatrell, Nick Baron [Hrsg.]: Warlands. Population Resettlement and State Reconstruction in the Soviet-East European Borderlands, 1945-50, Basingstone 2009, S. 25-47.

Tegeler, Tillmann: Esten, Letten und Litauer in der Britischen Besatzungszone Deutschland. Aus den Akten des „Foreign Office“, in: Jahrbücher für die Geschichte Osteuropas 53,1 (2005), S. 42-57.

Pletzing, Christian: Displaced Persons. Esten, Litauer und Letten im Lübeck der Nachkriegszeit, in: Nordost-Archiv N.F. XIX (2010), 197-219.

Christian Pletzing; Marcus Velke [Hrsg.]: Lager – Repatriierung – Integration. Beiträge zur Displaced Persons Forschung (DigiOst Band 4), Leipzig 2016.

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