ZBW: Wo fängt Verantwortung an, wo hört sie auf?

Der Hamburger Standort der ZBW ist die Nachfolgeinstitution des Hamburgischen Weltwirtschafts-Archivs, welches sich aus der Zentralstelle des Kolonialinstituts in Hamburg herausgebildet hatte. Der Leiter der Zentralstelle und erster Direktor des HWWA: Franz Ludwig Stuhlmann, der während seiner Zeit als Kolonialbeamter in Deutsch-Ostafrika aus einheimischen Gräbern menschliche Überreste raubte.

Während sich die ZBW heute kritisch mit dem Wirken ihrer Vorgängerinstitution im Nationalsozialismus auseinandersetzt und ihre Bibliotheksbestände auf NS-Raubgut untersucht, fehlt ein kritischer Blick auf ihre Verflechtungen mit den deutschen „Schutzgebieten“.

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Die Deutsche Zentralbibliothek für Wirtschaftswissenschaften – Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft, kurz ZBW, ist die weltweit größte Forschungsinfrastruktur für wirtschaftswissenschaftliche Literatur mit Standorten in Hamburg und Kiel. Über die Bibliotheken hinaus verfügt sie über einen umfangreichen Bestand digitaler Medien, betreibt im hohen Grad Forschung in Feldern wie Open Science, Web Science, künstliche Intelligenz oder Forschungsdatenmanagement. Sie gibt wissenschaftliche Magazine wie den „Wissenschaftsdienst“ und „Intereconomics“ heraus und richtet den größten Ökonomie-Wettbewerb Deutschlands für Schülerinnen und Schüler aus. Dies ist nur ein Abriss ihrer Tätigkeiten, dennoch wird deutlich, dass die ZBW eine wichtige Akteurin im deutschen Wissenschaftsbetrieb darstellt. Die Rolle einer Informationszentrale nahm die ZBW schon sehr früh ein, denn ihre Vorgängerinstitutionen, unter anderem die Zentralstelle des Hamburgischen Kolonialinstituts und das Hamburgische Weltwirtschafts-Archiv, erfüllten sehr ähnliche Aufgaben.

1908 wurde in Hamburg das Kolonialinstitut mit dem Ziel gegründet, Beamte auf ihre künftigen Aufgaben in den deutschen Kolonien vorzubereiten. Gleichzeitig sollte das Institut durch die Schaffung einer Zentralstelle „wissenschaftliche koloniale Bestrebungen konzentrieren“ und jegliche Informationen zu deutschen wie nicht-deutschen Kolonien sammeln und archivieren, die den „Lernenden, Lehrenden und der Kaufmannschaft“, aber auch privaten Interessierten, zur Verfügung gestellt wurden.1Leveknecht, Helmut: 90 Jahre HWWA. Von der Zentralstelle des Hamburgischen Kolonialinstituts bis zur Stiftung HWWA. Eine Chronik, Hamburg 1998, online unter: http://webopac.hwwa.de/publication/Leveknecht_Chronik_HWWA.pdf, S. 12. Zuletzt abgerufen am 02.12.2020. Die Pressedokumentation, das Archiv und die Bibliothek der Zentralstelle nahmen in der Informationsbeschaffung einen enormen Stellenwert ein: In einer Zeit der zunehmenden Industrialisierung und Globalisierung Anfang des 20. Jahrhunderts war es notwendig, sich zeitnah über politische wie wirtschaftliche Verhältnisse in den Kolonien und anderen Ländern informieren zu können – vor allem in den beiden Weltkriegen spielte die Zentralstelle, später das HWWA, mit ihrem Kriegsarchiv eine wesentliche Rolle bei der Informationsgewinnung über besetzte Gebiete und die Alliierten. 1913 verfügte das Archiv über 350.000 Presseausschnitte über weltweite wirtschaftlich und politisch relevante Themen, 1927 bereits 3,3 Millionen. Bei der reinen Informationsbeschaffung blieb es nicht – eigene Organe der Institution waren für die Auswertung und praxisnahe Aufarbeitung für Wirtschaft und Politik zuständig, es entstanden Forschungsgruppen und Publikationen sowie Periodika.

Zeitgleich zur Gründung der Universität Hamburg 1919 wurde die Zentralstelle vom ehemaligen Kolonialinstitut entkoppelt und nahm auf Vorschlag Franz Stuhlmanns den Namen „Hamburgisches Weltwirtschafts-Archiv“ an. Auch die Institutionalisierung in eine eigene Einrichtung geschah auf Stuhlmanns Drängen hin – der seit 1908 kommissarischer Geschäftsführer der Zentralstelle war. Schon ein Jahr vorher, nachdem das deutsche Kaiserreich den Ersten Weltkrieg sowie sämtliche Kolonien verloren hatte, plädierte er dafür, dass „ […] die Zentralstelle so bald als irgend tunlich zu einer selbstständigen wissenschaftlichen Anstalt gemacht wird, und daß sie heute schon die völlig irreführende und ihrer Tätigkeit nicht entsprechende Bezeichnung ‚Zentralstelle des Hamburgischen Kolonialinstituts‘ ablegt und dafür die Bezeichnung ‚Hamburgisches Weltwirtschaftsarchiv‘ annimmt.“2Leveknecht, Helmut: 90 Jahre HWWA, S. 19. Stuhlmann verblieb in der Einrichtung und war bis zu seinem Tod 1928 Direktor des HWWA. Stuhlmanns langjährige Tätigkeiten in Zentralstelle und HWWA sind gut dokumentiert, seltener wird allerdings seine koloniale Beamtenlaufbahn in Deutsch-Ostafrika und seine dortigen Tätigkeiten in den Blick genommen.

Franz Ludwig Stuhlmann, 1863 in St. Georg geboren, studierte Naturwissenschaften in Hamburg, Tübingen und Freiburg und wollte seine Karriere in der Zoologie vor allem durch Forschungsreisen voranbringen. So nahm er von 1890 bis 1892 an der Expedition des „Afrikaforschers“ Emin Pascha nach Ostafrika teil. Ab 1893 arbeitete er als Kartograph und landwirtschaftlicher Berater beim „Gouvernement“ von „Deutsch-Ostafrika“. 1895 wurde er Abteilungsleiter für die Pflanzenkultur- und Landesvermessung in Dar es Salaam und 1900 Erster Referent und Stellvertretender Gouverneur von „Deutsch-Ostafrika“. Darauf folgte ab 1905 die Berufung zum Direktor des Biologisch-Landwirtschaftlichen Instituts in Amani im heutigen Tansania. 1917 wurde ihm aufgrund seiner „Verdienste“ für das Institut die Professorenehre verliehen, gleichzeitig galt Stuhlmann zu seiner Zeit als der „erfolgreichste botanische Sammler und Forscher Ostafrikas“.3Gollasch, Benjamin: Von Hamburg nach Amani und zurück – Franz Ludwig Stuhlmann und die „Gegenwart der imperialen Vergangenheit“, in: Ann H. Kelly u.a. [Hrsg.]: Amani – Auf den Spuren einer kolonialen Forschungsstation in Tansania (Postcolonial Studies, 37), Bielefeld 2020, S. 33. Eine Karriere, die das Sprungbrett für seine späteren Leitungsposten in Zentralstelle und HWWA bilden sollte, da er aufgrund seiner Laufbahn dem zeitgenössischen Bedürfnis nach „wissenschaftlichem Kolonialismus“ entsprach.4Ebenda, S.37.

Der Historiker Benjamin Gollasch, der an der Universität Hamburg zu kolonialen Sammlungen aus Myanmar in den ethnologischen Museen Berlin und Hamburg und zu den Hintergründen und Folgen der „Thomann-Affäre“ promoviert, beschäftigte sich auch mit den Schattenseiten der Tätigkeiten Franz Stuhlmanns in „Deutsch-Ostafrika“, einem Wissenschaftler und Kolonialbeamten, der zweifelsfrei kolonialistischen und rassistischen Vorstellungen anhing. So schloss er sich nach seiner Ankunft in der Kolonie freiwillig der „Wissmanntruppe“ an, die den Widerstand der Küstenbevölkerung gegen den wachsenden Einfluss der deutschen Kolonialisten brechen sollte. Auch die Expedition von Emin Pascha diente vor allem politischen Zwecken, nämlich der Etablierung der deutschen Herrschaft auch in den entlegeneren Gebieten von Ostafrika. Auf einer Expedition zum Victoria-See entdeckte er Gräber von Einheimischen und schrieb in seinen Reisebericht, wie sie nicht umhin konnten, als diese auszuräumen. Die Knochen und Skelette ließ er zu Rudolf Virchow nach Berlin verschicken, einem bekannten Rassentheoretiker, der anhand seiner Untersuchungen einen vermeintlichen Unterschied zwischen den Rassen nachweisen und vor allem seine These einer Existenz von „Primitiven“ und „Kulturmenschen“ beweisen wollte.5Siehe Storost, Ursula: Museum reflektiert eigene koloniale Geschichte, in: Deutschlandfunk vom 23.01. 2020, URL: https://www.deutschlandfunk.de/weltbilder-in-der-wissenschaft-museum-reflektiert-eigene.1148.de.html?dram:article_id=468487. Stuhlmann unterstützte diese Ideen offensichtlich.

Die menschlichen Überreste, von Stuhlmann geraubt, waren bis in die 2000er Jahre in vielen deutschen Museen ausgestellt, wie auch andere von ihm „gesammelten“ ethnografischen Gegenstände. Bei seiner Rückkehr 1893 verschleppte er zwei Afrikanerinnen nach Deutschland, die unter rassistischen Zuschreibungen in verschiedenen deutschen Städten vorgeführt wurden. Zum Verlust der deutschen Kolonien 1918 äußerte er sich folgendermaßen: „Der Europäer hat die Pflicht, in fremden Ländern der farbigen Bevölkerung gegenüber als Herr aufzutreten […], denn sonst geht bei der Minderzahl der Europäer der Respekt verloren und Aufstände entstehen […]. Wir sollen den Eingeborenen schonen und in jeder Weise menschenwürdig und gerecht behandeln, wir sollen ihm seine eigene Wirtschaft ausbilden helfen […]. Ihn aber ebenbürtig und gleichwertig wie den Europäer behandeln und dasselbe von ihm erwarten zu wollen, ist eine höchst verderbliche und sinnlose Idee.“6Ebd., S. 37.

Gollasch ist überzeugt davon, dass die Kolonialzeit ein Unrechtsregime war, das auf der Rassentheorie und dem Überlegenheitsgefühl der Europäer*innen basierte, die mit einem „Missionierungsgedanken“ losgezogen seien, um die „Welt“ zu erforschen, zu vermessen und zu kolonisieren.7Vgl. Storost, Ursula: Museum reflektiert eigene koloniale Geschichte. Über Stuhlmann bestehen für ihn gegenwärtig immer noch Kontinuitäten dieses Unrechtsregimes, wie von der deutschen Kolonie Deutsch-Ostafrika nach Hamburg zum Kolonialinstitut und das Weltwirtschafts-Archiv bis in die Gegenwart, heißt bis in die heutige ZBW. Der Historiker kritisiert, dass sogenannte Entdecker*innen und Kolonialforscher*innen mit Straßennamen und Denkmälern geehrt und völlig unkritisch als Wegbereiter*innen moderner Wissenschaft gefeiert würden.8Zur aktiven Rolle von Frauen im Kolonialismus siehe bspw. folgender Band: Bechhaus-Gerst, Marianne; Leutner, Mechthild [Hrsg.]: Frauen in den deutschen Kolonien (Schlaglichter der Kolonialgeschichte, 10), Berlin 2009. Trotzdem ist das koloniale Unrechtsregime überwiegend männlich dominiert gewesen. Häufig würde aber verschwiegen, mit welchem Gedankengut diese Männer nach Afrika gereist seien, was für rassentheoretische Annahmen sie gehabt hätten, welche Überlegenheitsgefühle und welches Sendungsbewusstsein diese Männer eigentlich ausgezeichnet hätten.9Siehe Storost, Ursula: Museum reflektiert eigene koloniale Geschichte.

Helmut Leveknecht, der Ende der 1990er die erste Chronik des HWWA verfasste, schrieb über Franz Stuhlmann: „Die Zentralstelle des Hamburgischen Kolonialinstituts als Institution im Dienste der damaligen deutschen kolonialen Politik und Wissenschaft, geleitet von einem Zoologen, Afrikaforscher, und Kolonialbeamten – ein bemerkenswertes Ensemble von wissenschaftlicher Akribie, Abenteuerlust und prosaischer Kolonialpolitik in einer Person“.10Siehe Leveknecht, 90 Jahre HWWA, S. 5. Eine nicht nur völlig unkritische Übernahme seiner Person also, sondern vielmehr eine Verherrlichung Stuhlmanns. Auch bei Claudia Thorn, die zum 100-jährigen Jubiläum der ZBW eine dreiteilige Jubiläumsschrift über die Geschichte und wichtige Persönlichkeiten der ZBW publiziert hat, findet sich kein kritisches Wort zu Stuhlmann und seinen kolonialen Verbrechen.11In Thorn, Claudia: Erst königlich, dann weltbekannt. Entwicklungsetappen der ZBW – Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft (Band 1), in: ZBW Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft [Hrsg.]: 100 Jahre ZBW, Kiel 2019. URL: https://100jahre.zbw.eu/wpcontent/uploads/2019/01/100Jahre_ZBW.pdf werden im Personenverzeichnis unkritisch einige seiner Lebenslaufstationen aufgeführt, siehe S. 49. In dem dritten Band (Ein bibliothekarischer Kreis schließt sich. Die HWWA-Bibliothek wird Teil der ZBW (Band 3), in: ZBW Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft [Hrsg.]: 100 Jahre ZBW, Kiel 2019. URL: https://100jahre.zbw.eu/wp-content/uploads/2019/10/ZBW-HWWA-Bibliothek.pdf) heißt es lediglich, dass Stuhlmann „[…] als Zoologe, Kartograph und Afrikaforscher viele Kontakte in die Kolonien hatte.“, S. 10. Selbiges gilt für Johanna Becker, die zur Geschichte des Kolonialinstituts als Vorgängerin der Universität Hamburg geforscht hat.12Siehe Becker, Johanna Elisabeth: Die Gründung des Deutschen Kolonialinstituts in Hamburg. Zur Vorgeschichte der Hamburgischen Universität. Mag. Arb. Universität Hamburg 2005, URL: http://webopac. hwwa.de/publication/Becker_Kolonialinstitut.pdf.

Das HWWA bestand bis 2005 – in diesem Jahr fiel die Entscheidung der Leibniz-Gemeinschaft, das Hamburgische Weltwirtschafts-Archiv aufzulösen. Die ZBW wurde aus dem Kieler Institut für Weltwirtschaft (ehemals Königliches Institut für Seeverkehr und Weltwirtschaft an der Christian-Albrechts -Universität zu Kiel) herausgelöst und mit der ehemaligen Bibliothek des HWWA zur heutigen ZBW fusioniert. Nun stellt sich die Frage, ob die ZBW nicht an den Forschungstrend zur Kolonialgeschichte Deutschlands wie auch Hamburgs anknüpfen sollte? Die Zentralstelle des Kolonialinstituts war nicht an kolonialen Verbrechen beteiligt und sie sammelte auch kein Raubgut. Sie war jedoch die Ausbildungsstätte für jene Beamten, die sich später durchaus an kolonialen Verbrechen beteiligten und war offenbar eine Institution, an der solche Männer eingestellt wurden und Karriere machen konnten, wie am Beispiel Stuhlmanns aufgezeigt. Sie agierte ganz im Sinne des „wissenschaftlichen Kolonialismus“ und verhalf dazu, kolonialistisches und rassistisches Gedankengut zu verbreiten und zu bestärken. Hinzu kommt, dass im Bestand der ZBW  gegenwärtig unkritisch und weiterhin bestellbar ein Teil der Publikationen liegt, die in der Zentralstelle im Rahmen des „wissenschaftlichen Kolonialismus“ über die Kolonien gesammelt wurden.

Sollte die ZBW also durch die Übernahme der Bibliothek der Zentralstelle und des HWWA ihre Geschichte und die Gründungsidee, die auf kolonialistischem und paternalistischem Gedankengut und eben solchen Strukturen basierte, aufarbeiten?  Als große wissenschaftliche Einrichtung hätte die ZBW die Ressourcen und das Netzwerk, eine wichtige Akteurin in der Aufarbeitung der (post-)kolonialen Strukturen Hamburgs darzustellen und auf Bundes- wie Landesebene eine Vorzeigerolle einzunehmen, die der Institution auch in dieser Hinsicht Prestige einbringen würde. Doch könnte man auch die Frage stellen: Wo fängt Verantwortung an und wo hört sie auf? Wie weit sollte die Aufarbeitung kolonialer Verflechtungen gehen? Wie definiert man koloniales Unrecht? Liegt es an der ZBW selbst, dies einzuschätzen? Ohne Zweifel ist zuallererst zumindest ein stärkeres Bewusstsein für die eigenen kolonialen Verflechtungen notwendig.

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