Umkämpfte Erinnerung: Das Lagerhaus G am Dessauer Ufer

Wer mit der S-Bahn auf die Elbinseln fährt, kann es kaum übersehen: Das Lagerhaus G auf dem Kleinen Grasbrook. Um seine Geschichte als KZ-Außenlager sichtbar zu machen, setzt sich die Initiative Dessauer Ufer für einen Gedenk- und Lernort im Lagerhaus ein.

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Das Lagerhaus G am Dessauer Ufer

Erbaut wurde das Lagerhaus G auf dem Kleinen Grasbrook im damaligen Freihafen von 1903 bis 1907 als Lager für Stückgut. Bauherrin war die Hamburger Freihafen Lagerhaus Aktiengesellschaft.1Staatsarchiv Hamburg, 326-2 I/708 Submissionsbedingungen für den Bau der Speicher F und G am Dessauer Ufer (Saalehafen) 1903 Welche Firmen dann das Lagerhaus nutzten, ist noch nicht genauer bekannt. Noch heute sind auf beiden Seiten des Hauses die Seilwinden sichtbar, mit denen Waren in die oberen Geschosse transportiert wurden. Das 24.000m² große Gebäude besteht aus acht Sektionen mit drei Stockwerken.

KZ-Außenlager Dessauer Ufer

Im Zuge des Geilenberg-Programms, das dem Wiederaufbau der zerstörten Hamburger Mineralölindustrie diente, wurde im Lagerhaus im Jahr 1944 von den Nationalsozialisten das erste Frauenaußenlager des Konzentrationslagers Neuengamme eingerichtet: Im Juli und August 1944 wurden 1.500 als Jüdinnen verfolgte Frauen aus dem Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau zur Zwangsarbeit ans Dessauer Ufer gebracht. Sie hatten meist schon eine längere Verfolgungsgeschichte hinter sich und waren zuvor in den Ghettos Litzmannstadt und Theresienstadt inhaftiert gewesen. In Hamburg mussten sie Sklavenarbeit2Zum Begriff der Sklavenarbeit siehe: Buggeln, Marc: Unfreie Arbeit im Nationalsozialismus Begrifflichkeiten und Vergleichsaspekte zu den Arbeitsbedingungen im Deutschen Reich und in den besetzten Gebieten, in: Buggeln, Marc und Wildt, Michael (Hg.): Arbeit im Nationalsozialismus, Oldenburg 2014, S. 231-252. leisten, etwa in den zerstörten Fabriken der Mineralölindustrie Trümmer räumen.

Im September wurden die Frauen auf die Außenlager Wedel, Sasel und Neugraben aufgeteilt, um dort Behelfswohnheime für die ausgebombte Hamburger Zivilbevölkerung zu bauen.3Buggeln, Marc: Arbeit und Gewalt. Das Außenlagersystem des KZ Neuengamme, Göttingen 2009, S. 274f, siehe auch: Ellger, Hans: Zwangsarbeit und weibliche Überlebensstrategien. Die Geschichte der Frauen-Außenlager des Konzentrationslagers Neuengamme 1944/45, Berlin 2007, S. 35-37. Einige der Überlebenden haben Autobiografien veröffentlicht, z.B. Lucille Eichengreen, Ruth Elias, Hédi Fried und Edith Kraus. Über andere Außenlager kamen sie im Zuge der Räumung des KZ Neuengamme und seiner Hamburger Außenlager im April 1945 in das KZ Bergen-Belsen, wo die Überlebenden am 15. April 1945 befreit wurden.

Kurz nach der Verteilung der weiblichen Häftlinge auf weitere Außenlager brachte die SS im September 1944 2.000 männliche KZ-Häftlinge aus dem KZ Neuengamme, ebenfalls zur Sklavenarbeit, ans Dessauer Ufer. Am 25. Oktober 1944 traf eine Bombe das damalige Krankenrevier. Etwa 150 Menschen starben dabei.4Von einigen überlebenden Männern befinden sich Erinnerungsberichte im Archiv der Gedenkstätte Neuengamme, z.B. Victor Baeyens HB 34, Jörgen Barford HB 41 und Mads Madsen HB 2094.

Die übrigen Häftlinge wurden nach dem Bombenangriff in das KZ-Außenlager Fuhlsbüttel gebracht. Im Februar 1945 kamen erneut 2.000 männliche KZ-Gefangene in das Außenlager am Dessauer Ufer, das zuvor von einer kleineren Gruppe Häftlinge wiederaufgebaut wurde. Mitte April wurde das Lager geräumt und die hier inhaftierten Männer wurden auf einen Todesmarsch Richtung Bremervörde geschickt. Dieser endete im Stalag X B Sandbostel, in welchem die SS im Zuge der Räumung des KZ-Neuengamme und seiner Außenlager insgesamt ca. 9500 Häftlinge in das dort eingerichtete KZ-Auffanglager deportierte. Die Überlebenden wurden dort am 29. April befreit. Im Lagerhaus G sowie im benachbarten Lagerhaus F waren außerdem italienische Militärinternierte und Kriegsgefangene inhaftiert, die in Hamburg zur Zwangsarbeit eingesetzt wurden.

Das Lagerhaus G nach 1945

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude weiter als Lagerhaus genutzt, u.a. in den 1980er Jahren durch die Teefirma Hälsen & Lyon.5Denkmalschutzamt Hamburg, Denkmalkartei 138 Dessauer Straße Lagerhaus G, Begehung vom 07/1987. Es sollte mehrfach abgerissen werden: Erst durch den Verkauf an einen Privateigentümer in den 1990er Jahren wurde der Erhalt des sanierungsbedürftigen Hauses vorläufig gesichert. Seit 1998 steht das Gebäude außerdem unter Denkmalschutz, aber außer mehreren Tafeln6Garbe, Detlef und Klingel, Kerstin: Gedenkstätten in Hamburg, URL: https://www.hamburg.de/contentblob/2112596/5a02e135f968f120f5bc87d47ca41006/data/gedenkstaetten-in-hamburg-2008.pdf S. 69. und einem Stolperstein für die dort ermordete Margarethe Müller7Stolpersteine Hamburg, URL: https://www.stolpersteine-hamburg.de/index.php?&MAIN_ID=7&p=171&BIO_ID=3855 erinnert vor Ort nichts an die Geschichte des ehemaligen KZ-Außenlagers – dies versucht die Initiative Dessauer Ufer nun zu ändern.

Die Initiative Dessauer Ufer

2017 gründete sich die Initiative Dessauer Ufer (IDU)8Initiative Dessauer Ufer, URL: https://initiativedessauerufer.noblogs.org/ vor dem Hintergrund der bevorstehenden Umwandlung des Kleinen Grasbrooks vom Hafengebiet zu einem bewohnten Stadtteil.9HafenCity GmbH: Der neue Stadtteil Grasbrook, URL: https://www.grasbrook.de/ Sie setzt sich für den Erhalt des Lagerhaus G und die dortige Einrichtung eines Lern- und Gedenkorts ein. Jedoch ist die IDU nicht die erste Gruppe, die den Ort als Erinnerungsort nutzt: Wie an vielen Orten ehemaliger nationalsozialistischer Lager in Westdeutschland waren es auch hier vor allem die Überlebenden, die nach 1945 diesen Ort aufsuchten.10Haug, Verena: Keine unmittelbare Begegnung, kein authentischer Ort. Zum Potenzial von Gedenkstättenpädagogik, in: Kraus, Alexander; Nedelkovski, Aleksandar und Placenti-Grau, Anita (Hg.): Ein Erinnerungs- und Lernort entsteht. Die Gedenkstätte KZ-Außenlager Laagberg in Wolfsburg, Frankfurt am Main 2018, S. 55-67, hier S. 57

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Zu den Aktivitäten der IDU gehört die Erforschung und Vermittlung der Geschichte des Lagerhaus G ebenso wie politische Aktionen und Vernetzungsarbeit. Wichtig ist auch der Kontakt zu Überlebenden und ihren Angehörigen. Einige Aspekte der aktuellen Arbeit sollen kurz vorgestellt werden. Seit ihrem Bestehen forscht die IDU zur Geschichte des Lagerhaus G und trägt bestehende Forschungsergebnisse zusammen. Um diese in Form einer Broschüre auch einer nichtwissenschaftlichen Öffentlichkeit zugänglich zu machen, haben Mitglieder der IDU im Juni 2020 eine studentische Forschungsgruppe an der Universität Hamburg gegründet.11Studentische Forschungsgruppe (SFG) „Dessauer Ufer“, URL: https://www.geschichte.uni-hamburg.de/arbeitsbereiche/public-history/projekte/sfg-dessauerufer.html

Zu den Formaten der Geschichtsvermittlung zählen Rundgänge am Dessauer Ufer und Gedenkveranstaltungen sowie Öffentlichkeitsarbeit auf verschiedenen Social-Media-Kanälen. Infolge der Corona-Pandemie fanden 2020 viele Veranstaltungen online statt, etwa die Gedenkveranstaltung anlässlich der Auflösung des KZ-Außenlagers Dessauer Ufer.12Initiative Dessauer Ufer: Jahrestag der Auflösung des KZ-Aussenlagers Dessauer Ufer, URL: https://vimeo.com/407581276. Siehe auch: Debus, Lucy; Hellriegel, Lisa; Jakubowski, Jonas und Wörner, Louis: Lagerhaus G  – Gedenken ohne Gedenkstätte? Geschichtsvermittlung auf dem Kleinen Grasbrook in Hamburg, in: Zeitschrift für christlich-jüdische Begegnung im Kontext 2020, H.1/2, S. 76-81.

Darüber hinaus nimmt die IDU Einfluss auf die Entwicklung des Lagerhaus G durch Kundgebungen und Demonstrationen sowie durch den Kontakt zu verschiedenen Akteur*innen.

Nicht nur, aber auch aufgrund dieser Interventionen scheint der Erhalt des Lagerhaus G vorerst gesichert zu sein. Auch die Einrichtung eines Lern- und Gedenkorts ist im Siegerentwurf des Planungswettbewerbs für den neuen Stadtteil Grasbrook vorgesehen.13HafenCity GmbH: Herzog & de Meuron Basel Ltd., URL: https://www.grasbrook.de/1-rang-wb3-herzog-de-meuron-basel-ltd-mit-vogt-landschaftsarchitekten-ag/ Wie genau dieser aussehen wird, ist jedoch unklar.

Forderungen für die Zukunft

Die Forderungen der IDU basieren auf einer grundlegenden Überzeugung: Die zukünftige Nutzung des Lagerhaus G soll gemeinsam mit zivilgesellschaftlichen Akteur*innen erarbeitet werden.

Vor der Entwicklung langfristiger Perspektiven steht jedoch die akute Bedrohung des Gebäudes durch den baulichen Verfall des Gebäudes. Aus diesem Grund ist ein dringendes Anliegen der IDU eine Bestandssicherung und eine adäquate Sanierung des Gebäudes. Zusätzlich muss das Gebäude archäologisch untersucht werden, um Spuren seiner Geschichte systematisch sicherzustellen.

Mit Blick auf die Zukunft spricht sich die IDU für eine (Nutzungs-)Perspektive aus, die keine strikte Trennung in Gedenkort und sonstige Nutzung vornimmt, sondern das Lagerhaus als einen Ort denkt, in dem seine Geschichte sowie Fragen der Gegenwart gemeinsam ihren Platz haben. Dazu gehört die Einrichtung eines Lern- und Gedenkortes mit Fokus auf der Nutzung des Lagerhaus G als Außenlager des KZ Neuengamme und auf NS-Zwangsarbeit. Die Lage im Hamburger Hafen bietet auch Möglichkeiten, die Bedeutung des Hafens in der Kolonialgeschichte bis hin zur gegenwärtigen Hafenentwicklung zu thematisieren.

Neben dem Lern- und Gedenkort ist eine Nutzung des Lagerhaus G für gemeinwohlorientierte Zwecke angestrebt. Solidarisches Zusammenleben benötigt Raum für verschiedene Bedürfnisse, für Zusammenkommen, für Bildungsarbeit, für Kunst und Kultur und für Jung und Alt. Dieser Raum ist im Lagerhaus G vorhanden. Die Geschichte des Ortes soll dabei im ganzen Gebäude sichtbar werden – das bedeutet auch, die weitere Nutzung an den Anforderungen der Geschichte des Lagerhaus G auszurichten.

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