Blankenese: Ein Spaziergang durch die Zeit

Am 11. August 1839 machten sich zwei Hamburger Bürger namens Hermann und Behrmann auf den Weg in das benachbarte Blankenese. Ein Tagesmarsch, der sie an vielen Sehenswürdigkeiten vorbeiführte. Knapp 200 Jahre später gehen zwei Geschichtsstudierende diesen Weg nach. Was ist geblieben? Was hat sich verändert?

Blick vom "Kanonenberg" auf die Elbe.
 

Blankenese gehörte im 19. Jahrhundert noch nicht zu Hamburg. Es war ein kleines Dorf, das durch die hügelige Landschaft und die Nähe zur Elbe an schönen Tagen eine willkommene Abwechslung für die Hamburger bot, denn Grünanlagen wie Planten un Blomen oder der Stadtpark wurden erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts angelegt. Dies belegt unter anderem eine Quelle aus dem Jahr 1839 „Vom Hamburger Berg bis nach Blankenese“1Behncke, Bernhard H. (Hrsg.): Von Hamburg nach Blankenese. Eine Wanderung im Jahr 1839. Hamburg, 2011. Aus dieser Quellen stammen auch alle folgenden Zitate. – ein Reisebericht von Hermann und Behrmann2Leider sind die Vornamen der Autoren oder Autorinnen unbekannt. Ihr Ziel war Blankenese, doch auf ihrem Weg kamen sie auch an vielen Dörfern vorbei. Altona, Ottensen, Teufelsbrück und Nienstedten, die mit ihren Parks, Gärten und Lokalen die obere Gesellschaft der Hansestadt anlockten.

Morgens auf der Reeperbahn

Wir beschließen, den Spuren der beiden Ur-Hamburger zu folgen. Wie Hermann und Behrmann beginnen wir die Reise morgens, auf dem „noch ziemlich belebten Hamburgerberg.“ Damals war der „Berg“ noch ein Vorort Hamburgs. Bis 1833 siedelten sich hier Handwerker, Betriebe und andere Berufsgruppen an, weil sie zu viel Lärm machten, zu sehr stanken oder einfach nicht innerhalb der Stadt erwünscht waren. Dazu gehörten Zimmerer, Prostituierte und Seilmacher (auch Reepschläger genannt). Heute ist der Hamburger Berg eine Seitenstraße der Reeperbahn. In den Erdgeschossen finden sich vor allem kleine Bars, darüber sind Wohnungen. Obwohl die Gegend gerade abends für ein reges Treiben bekannt ist, tummeln sich auch schon morgens Tourist*innen, Anwohner*innen oder Verlorene der vergangenen Nacht auf den Wegen.

Unseren historischen Stadtführern gleich, folgen wir nun der Königstraße. Laut ihnen sollen wir das Altonaer Rathaus, das Waisenhaus und ein Krankenhaus sehen. „Wobei das erste das ältere ist, die anderen beiden scheinen erst in diesem Jahrhundert aufgebaut zu sein.“ Ein Rathaus sehen wir, die beiden anderen Gebäude nicht. Wir können mit Sicherheit sagen, dass Hermann und Behrmann bei ihrem Rundgang vor 200 Jahren ein anderes Bild sahen. Sie meinten das alte Altonaer Rathaus, welches 1716 erbaut und 1943 zerstört wurde. Das neue Rathaus war nach seiner Fertigstellung 1844 zunächst das Hauptgebäude der Altona-Kiel Eisenbahngesellschaft. Unter der Linde Etwas versteckt liegt unser nächstes Ziel. Die Königstraße mündet im Ottenser Marktplatz und wir betreten den Kirchhof der Ottenser Christianskirche. Er ist „besonders durch das darauf befindliche Grab Klopstocks merkwürdig“, schreiben Hermann und Behrmann. Tatsächlich liegt heute noch immer Friedrich Gottlieb Klopstock hier begraben, ein Dichter aus der Epoche der Empfindsamkeit. Das Grab ist „von der Kirchenthüre nach Süden unter einer sehenswürdigen großen Linde“. Also direkt vor dem Eingang der barocken Kirche. Ein Relief ziert das Grab, das heute mit Moos bedeckt ist. Neben ihm liegen seine beiden Ehefrauen begraben. An sie erinnern Grabsteine am Boden.

Wir verlassen Klopstock und seine Gemahlinnen und wandern auf der Elbchaussee weiter. Sie wird den Hauptteil unserer Reise ausmachen und uns an den versprochenen Gärten, Häusern und Aussichtspunkten vorbeiführen. Gleich zu Beginn der Chaussee nähern wir uns dem „berühmten Garten des Herrn Rainville, er ist unstreitig einer der schönsten Gärten in Hamburgs Nähe.“

Wir haben eine klare Sicht auf die andere Elbuferseite mit den Kränen des Industriehafens. 1798 errichtete César Claude Rainville hier sein Wirtshaus, die Rainvilleterrasse. Rainville floh einst aus Frankreich und machte aus dem Gasthaus eine Attraktion, die viele Persönlichkeiten anlockte und in zeitgenössischen Reiseführen in den höchsten Tönen gelobt wurde, weil es die damals moderne „Savoir-vivre“ (Lebenskunst) in den hohen Norden brachte. Unter Rainvilles Tod 1845 und der Industrialisierung des Altonaer Hafens litt das Ansehen des Wirtshauses, bis es abgerissen und der Garten parzelliert wurde. Das verlieh ihm sein heute typisches Aussehen.

Der Hamburger Berg am Morgen. Im Hintergrund sieht man einen Teil vom ehemaligen israelitischen Krankenhaus. Es wurde 1844 erbaut und ist heute das Bezirksamt St. Pauli.
Foto: Antonia Ivankovic

Das Neue Altonaer Rathaus mit dem Kaiser-Wilhelm-Denkmal...
Foto: Antonia Ivankovic

... und direkt gegenüber beginnt der Garten der Christianskirche. Versteckt unter dem Schatten der großen Linde liegt das Grab von F.G. Kloppstock
Foto: Antonia Ivankovic

Geht man näher heran, so scheint sein Grab fast ein Altar zu sein.
Foto: Antonia Ivankovic

Es ist nicht viel von den Rainvilleterrassen übrig geblieben.
Foto: Antonia Ivankovic

Die Elbchaussee bietet mit ihren hohen Hecken nur wenige Einblicke, doch manchmal öffnet sie sich, wie hier mit einem Blick auf den Heine-Park.
Foto: Antonia Ivankovic

Aber auch an anderen Stellen gibt es Gartenkunst...
Foto: Antonia Ivankovic

… oder namenlose Skulpturen zu sehen...
Foto: Antonia Ivankovic

...und hin und wieder eine Detailansicht auf den Industriehafen.
Foto: Antonia Ivankovic

Dem üppigen Jenischpark...
Foto: Antonia Ivankovic

...folgt das übersichtliche Teufelsbrück.
Foto: Antonia Ivankovic

Der Haupteingang der Nienstedtener Kirche.

Der Haupteingang der Nienstedtener Kirche.
Foto: Antonia Ivankovic

Nienstedtener Kirchenglocke.

Statt eines Friedhofs, findet man auf dem Kirchplatz heute ein Denkmal der ältesten Glocke aus dem Jahre 1647.
Foto: Antonia Ivankovic

Nienstedtener Friedhof.

Ein Blick auf den dicht bewachsenen Nienstedtener Friedhof.
Foto: Antonia Ivankovic

Turm im Baurs-Park

Der einzige Turm im Baurs-Park ist heute der 41 Meter hohe Leuchturm, direkt...
Foto: Antonia Ivankovic

Am "Kanonenberg"

...am "Kanonenberg", der eine gute Sicht auf die Elbe...
Foto: Antonia Ivankovic

Süllberg von Blankenese

... und den Süllberg von Blankenese bietet.
Foto: Antonia Ivankovic

Treppenviertel

Ab hier geht es runter ins Treppenviertel von Blankenese.
Foto: Antonia Ivankovic

Viele Stufen...

Viele Stufen...
Foto: Antonia Ivankovic

Noch mehr Stufen.

… und teilweise unebene Wege, bei denen man nicht weiß, wo der Anfang und das Ende ist.
Foto: Antonia Ivankovic

previous arrow
next arrow

Die lange, lange Elbchaussee

„Von hier an ist der Weg der angenehmste, den man sich denken kann. An beiden Seiten stehen die prächtigen Landhäuser der reichen Bewohner Hamburgs, umgeben von auf das geschmackvollste angelegten Gärten, die an einigen lichten Stellen die Aussicht auf den Strom gestatten“, versprechen uns Hermann und Behrmann. Wir folgen also weiterhin der Elbchaussee, die an diversen Villen vorbeiführt. Ein großes Haus reiht sich ans nächste, die Gärten sind meist durch hohe Hecken verdeckt und lediglich kleine Lücken in den massiven Einfahrtstoren bieten Einblicke auf die Grundstücke. „Kornfelder und Wiesen“ sehen wir nicht und zu hören sind vor allem die Motoren der zahlreichen Autos, die an uns vorbeifahren.

Nach ungefähr einer Stunde kommen wir am Jenischpark vorbei, der in unserem Reisebericht nicht erwähnt wird. Der Park war erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts für die Öffentlichkeit zugänglich und bis dahin in Privatbesitz, wirkt aber wie ein Gemälde aus der Epoche des Impressionismus. Wir erlauben uns die Pfade unserer Reiseführer kurz zu verlassen und durch den Park hindurch nach Teufelsbrück zu gelangen, „woran das Wirthshaus gleichen Namens liegt.“ Das „Wirthshaus Teufelsbrück“ gibt es nicht mehr, es wurde Anfang der 90er Jahre abgerissen und durch einen modernen Bau an der Einmündung der Baron-Voght-Straße ersetzt. Stattdessen steuern wir auf einen modern gestalteten, hellen Platz zu. Hier befinden sich verschiedene kleinere Lokale und wir setzen uns in einen der teureren Imbisse direkt am Wasser und genießen die milde, fast maritime Luft. Während wir essen, lauschen wir den Wellen, die von den vorbeifahrenden Fähren angespült werden.

Wir steuern unser nächstes Ziel an: Nienstedten und „dessen einfache Kirche. Wir mußten gerade zu der Zeit des Kirchenanfangs hier angekommen sein, denn der ganze Weg war von Kirchgängern belebt.“ Wir aber sehen nur eine Hochzeitsgesellschaft, die sich in der Kirche zusammengefunden hat. Plötzlich hören wir aus der Ferne Donner grollen, der ein Gewitter ankündigt. Dunkle Regenwolken ziehen über uns auf und wir sind gezwungen, Schutz zu suchen.

„Einer von uns war mit einem Regenschirm versehen“, schreiben Hermann und Behrmann. Wir nicht. Wir haben uns zu sehr auf das schöne Wetter verlassen und müssen vor der Nienstedtener Kirche warten, bis das Gewitter vorbeigezogen ist. Als der Himmel wieder klarer wird, werfen wir einen genaueren Blick auf das Gebäude. Ein Fachwerkbau mit barocken Zügen. Die Kirche wurde 1751 an der heutigen Elbchaussee erbaut, kaum 100 Meter Luftlinie von der Elbe entfernt. Wir gehen um den Bau herum. Auf der anderen Seite, vom Wasser weg, sehen wir Wohnhäuser. Ebenfalls im Fachwerkstil und mit Reetdächern. Neben dem Haupteingang zählen wir an jeder Kirchenwand eine weitere Tür. An der Südseite ist eine alte Sonnenuhr in das Mauerwerk gelassen. „Die eine Thür ist ausschließlich für Männer, die andere hingegen nur für Frauen bestimmt“, erklären uns unsere Reiseführer, aber welche Tür nun für welches Geschlecht ist und wieso es dann gleich 4 Eingänge gibt, wissen wir nicht. Vielleicht konnte man sich aussuchen, von welcher Seite man in das Gotteshaus schreiten wollte.

Bis 1814 befand sich um die Kirche herum noch ein Friedhof. Die Gräber wurden alle auf den Nienstedtener Friedhof verlegt, einige Meter weiter auf der Elbchaussee. Namen wie Jenisch, Darboven, Hagenbeck oder auch Reemtsma finden sich dort auf den Grabsteinen, die natürlich weder Hermann noch Behrmann kennen konnten.

Der Park des Wohltäters

Unsere beiden Ur-Hamburger führen uns in einen Park und wir lassen das kleine Nienstedten hinter uns. Das Gelände, welches wir jetzt betreten, gehörte damals noch zu Altona und ist unser letzter Stopp, bevor wir Blankenese erreichen. Hinter Metallstreben befindet sich eine große, teilweise hügelige Wiese mit einem alten Herrenhaus, welches durch ein Baugerüst verdeckt wird. Wir stehen am Eingang des „Baur-Park“. „Nachdem wir hier die üblichen vier Schilling als Entree bezahlt hatten, die von dem alten Eigenthümer für die Armen bestimmt sind, traten wir ein.“ Eintritt müssen wir heute nicht zahlen, wie die meisten großen Gärten, wurde auch der Garten von Georg Friedrich Baur später verstaatlicht. Baur erwarb das Gelände 1817 und ließ es zu einem Garten im englischen Stil ausbauen.

„Hierauf wurde unsere Aufmerksamkeit von einem hohen Thurme aus Granit angezogen. Er liegt auf einem kleinen, dicht bewachsenen Hügel, und ist von der Größe, daß er über alle Bäume hervorragt, die ihn umgeben. Der Styl, in welchem er erbaut ist, macht seinem Erbauer alle Ehre.“ Damit meinen Hermann und Behrmann wohl den Pagodenturm, der hier einst stand. Baur ließ nicht nur chinesische Türme hier errichten, sondern auch Waldhütten, Tempel und Aussichtsplattformen. Eine davon ist der „Kanonenberg“, der aus alter Zeit überlebt hat und eine sehr offene Sicht auf die Hügel von Blankenese zulässt.

Der Süllberg gleicht aus der Ferne einer südlichen Insel. „Der Blick gleitet hier ungehindert über die große Wasserfläche der mächtigen Elbe, und verfolgt sie, bis sie sich am Horizont verliert.“ Ganz so weit geht unser Blick über die inzwischen gezähmte Elbe nicht, aber die Sicht auf den regen Schiffsverkehr lassen uns einen Moment verweilen.

Der winkende Turm

Blankenese ist nun keine 20 Minuten mehr von uns entfernt, wir können uns aussuchen, ob wir am Strand oder durch das Treppenviertel zum Kösterberg wandern. Beides hat es so zu Hermann und Behrmanns Zeiten nicht gegeben. Am Wasser liegen Boote am Ufer, die von ihren Besitzern gerade gereinigt oder für die nächste Ausfahrt vorbereitet werden. Wir entscheiden uns für den Weg durchs Treppenviertel. So streifen wir lange durch die verwinkelten und engen Gassen, steigen Treppen hinauf und wieder hinab. Wir begegnen kaum Anwohnern. Cafés und Restaurants sind trotz der Mittagszeit leer. Schließlich steuern wir auf den Süllberg zu. „Der Süllberg an sich ist ganz kahl und nur mit Heide bewachsen.“ Er ist noch immer sehr grün, aber nicht mehr kahl. Auch hier stehen Wohnhäuser, auf der Spitze des über 70 Meter hohen Berges liegt ein kleines Waldstück. Wir folgen schmalen Pfaden, die uns in Schlangenlinien über ihn hinweg und unter dichten Bäumen hindurchführen.

„Wir setzten unseren Weg zum Kösterberg fort. Zum Zeitvertreib beschlossen wir den Telegraphen näher in Augenschein zu nehmen.“ Wo auch immer dieser Telegraf aufragte, wir können ihn nicht mehr finden. Wir können nur vermuten, dass er näher am Wasser gestanden haben muss. Der optische Telegraf, den Hermann und Behrmann meinten, gewährleistete die Kommunikation zwischen Hamburg und Cuxhaven, das damals noch Ritzebüttel hieß und zu Hamburg gehörte. Mit Fernrohren las man von anderen Standpunkten aus die Zeichenkombinationen ab, die der Telegraf mit mechanischen Armen formte. 1850 löste die elektrische Telegrafie solche Modelle ab.

Unsere Reiseführer verabschieden sich ab hier. Sie bestiegen den Raddampfer „Patriot“, der einmal die Woche von seiner Fahrt zwischen Hamburg und Helgoland hier vorbeikam. Wir müssen ein gutes Stück zurücklaufen. Durch die engen Straßen von Blankenese fahren nur selten Busse und eine Fähre Richtung Innenstadt können wir erst ab Teufelsbrück nehmen. Auf unserem Rückweg wird uns bewusst, dass alle Orte, die wir durchquerten, anders sind als Hamburg. Altona, Ottensen, Nienstedten, Teufelsbrück, Blankenese. Sie alle haben eine eigene Vergangenheit, eine eigene Geschichte, eine eigene Identität und sind doch mit der Geschichte der Hansestadt verbunden. Nicht zuletzt durch die direkte Nähe.

Der vorliegende Text wurde ursprünglich am 11.08.2015 veröffentlicht und für die Neu-Veröffentlichung durch die Autor*innen leicht überarbeitet und dem Styleguide der Redaktion angepasst.

Fußnoten[+]