Aspekte von Nachbarschaft 1941 – 1945:
Die Deportationen aus dem Woldsenweg 5 in Hamburg-Eppendorf

Im Herbst 1941 lebten im Woldsenweg 5 drei Familien, welche als jüdisch verfolgt und deportiert wurden. Die Nachbarschaft bestand aus langjährigen Mieter*innen, von denen viele im unmittelbaren Kontakt zu den Verfolgten und den Familien standen, welche als Nachmieter*innen in die frei gewordenen Wohnungen zogen.

Wie reagierte die Nachbarschaf auf die Verfolgung ihrer jüdischen Nachbarn und den Einzug der neuen Mieter*innenschaft? Antworten auf diese Fragen finden sich in der Analyse von Hausmeldekarteien, Adressbüchern und biografischen Spuren, welche Einblicke über das Zusammenleben und das soziale Gefüge der Hausgemeinschaft am Wolsenweg 5 ermöglichen.1Dieser Beitrag basiert auf einer gemeinsamen Recherche der Autorin und Stefan Wilbricht für das entstehende Dokumentationszentrum “denk.mal Hannoverscher Bahnhof”, welches ab 2023 mit einer Dauerausstellung an die Deportation von Jüdinnen und Juden, Sintizze und Romnja aus Hamburg und Norddeutschland erinnert. Im Jahr 2017 wurde bereits ein Gedenkort in der Hamburger HafenCity eingeweiht. In der Ausstellung wird auch das Thema Nachbarschaften in Hamburg im Kontext des Deportationsgeschehens ab Herbst 1941 beleuchtet. Nähere Informationen: https://hannoverscher-bahnhof.gedenkstaetten-hamburg.de/de/.

Woldsenweg in Hamburg Eppendorf um 1914
 

Den Krieg überstand das Haus im Woldsenweg 5 weitestgehend unversehrt. Es umfasst damals wie heute fünf Stockwerke mit insgesamt elf Wohnungen. In einer ruhigen Seitenstraße der Eppendorfer Landstraße gelegen, befinden sich im Woldsenweg insgesamt sechzehn Wohnhäuser. Im Erdgeschoss des Hauses Nr. 5 lebte Ella Davidsohn geb. Hildesheim, gemeinsam mit ihrem pflegebedürftigen Sohn Walter Davidsohn.2Vgl. Hausmeldekartei Woldsenweg 5, StaHH 332-8_A51-1. Ella Davidsohn war verwitwet. Sie war allein für die Vormundschaft und Pflege ihres erwachsenen Sohnes verantwortlich. Am 30. März 1942 musste die Familie Davidsohn in ein „Judenhaus” in der Agathenstr. 3 umziehen. Von dort wurde die Familie am 15. Juli 1942 in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Walter Davidsohn wurde am 29. Januar 1943 weiter nach Auschwitz verschleppt und dort ermordet.3Vgl. Stolperstein-Biografie Ella und Walter Davidsohn, URL: https://www.stolpersteine-hamburg.de/?MAIN_ID=7&BIO_ID=2599. Ella Davidsohn starb zwei Monate später, am 9. März 1943 im Alter von 68 Jahren in Theresienstadt.

Im Haus lebten auch die Familie Moser und Jonas. Bernard und Marie-Therese Moser wurden am 25. Oktober 1941 in das Ghetto “Litzmannstadt” in der polnischen Stadt Łódź deportiert. Ihr gemeinsamer Sohn Wolfgang Moser konnte im Jahr 1939 nach London emigrieren. Im Ghetto „Litzmannstadt” starb Bernard Moser wenige Monate nach seiner Ankunft am 8. Juli 1942. Marie Therese Moser wurde am 15. September in das Vernichtungslager Kulmhof (Chelmo) deportiert und ermordet.4Vgl. Stolperstein-Biografie Marie-Therese und Bernard Moser, URL: https://www.stolpersteine-hamburg.de/index.php?MAIN_ID=7&BIO_ID=207. Am 15. April 1942 mussten Dr. Alberto und Dr. Marie Jonas, geb. Levinsohn und ihre Tochter Esther in ein „Judenhaus“ im Laufgraben 39 umziehen. Von dort wurde die Familie am 19. Juli 1942 ebenfalls in das Ghetto Theresienstadt deportiert.5Dr. Alberto Jonas verstarb wenige Wochen nach der Ankunft in Theresienstadt an den Folgen von Zwangsarbeit. Im Herbst 1944 wurde Dr. Maria Jonas nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Esther Jonas heiratet im September 1944 im Ghetto den Tschechen Hanuš Leiner. Im Oktober 1944 wurde Esther Leiner-Jonas nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Ihre Befreiung erlebte sie im KZ-Mauthausen, vgl. Althaus, Andrea und Apel, Linde: Erzählte Geschichte – geschichtete Erzählung. Zu den lebensgeschichtlichen Interviews mit der Holocaust-Überlebenden Esther Bauer, in: Hamburger Schlüsseldokumente zur deutsch-jüdischen Geschichte, 22.09.2016, URL:  https://dx.doi.org/10.23691/jgo:article-2.de.v1.

Von ihnen überlebten nur Wolfgang Moser und Esther Jonas, später Esther Bauer. Die Familien waren langjährige Mieter*innen im Woldsenweg 5. Während ihr Alltag zunehmend von rassistischer Ausgrenzung und Verfolgung geprägt war, lebte ihre Nachbarschaft als Teil der „Volksgemeinschaft” unbehelligt weiter. Doch wer waren diese Nachbar*innen und wie reagierten sie auf die zunehmende Ausgrenzung und Diskriminierung ihrer als jüdisch verfolgten Nachbar*innen? Wer bezog die frei gewordenen Wohnungen und profitierte damit von den Deportationen? Antworten auf diese Fragen finden sich in Hamburger Hausmeldekarteien und Adressbüchern. Darin sind Namen und Daten von Mieter*innen des Hauses im Zeitraum der nationalsozialistischen Deportationen bis in die Nachkriegszeit aufgeführt. Interviews mit Zeitzeug*innen, Überlieferungen von Nachkommen und Bestände des Hamburger Staatsarchivs liefern Hinweise auf wechselseitige Beziehungen und das soziale Gefüge der Hausgemeinschaft.

Die Mieter*innenschaft im Woldsenweg 5

In den 1930er-Jahren lebten vor allem Selbstständige und Akademiker*innen in dem Haus. Darunter Ärzt*innen, Richter*innen und Kaufleute. Seit dem Jahr 1939 bewohnte der Arzt Dr. Alfred Ferber, gemeinsam mit seiner Ehefrau Margarethe, geb. Müller und seinen drei Kindern, die Wohnung gegenüber der Familie Davidsohn. Dr. Alfred Ferber arbeitete als Schiffsarzt für die Hamburg-Amerika-Linie. Im Jahr 1941 wurde er zum Dienst in der Wehrmacht eingezogen, er war Mitglied in der NSDAP. Erst im Jahr 1945 kehrte er aus britischer Kriegsgefangenschaft in den Woldsenweg 5 zurück.6Vgl. Amt für Wiedergutmachung, StaHH 351-11_54756. In der Wohnung darüber lebte seit 1938 das Ehepaar Hans und Erika Freydag mit ihren vier Kindern. Die Familie war Nachmieter des jüdischen Ehepaars Walter und Gertrud Löwenthal geb. Ganz und ihren zwei Töchtern. Die Familie Löwenthal war Mitte des Jahres 1939 nach der „Arisierung“ ihres Familienbetriebes nach New York emigriert.7Vgl. Devisenstelle und Vermögensverwertungsstelle, StaHH, 314-15_F 1565.

In der Wohnung darüber lebte seit dem Jahr 1935 das Ehepaar Weisert. Eduard Weisert war Kaufmann, er verstarb im Jahr 1940. Seine Frau lebte fortan allein in der Wohnung. Einige der Hausbewohner*innen machten Karriere im Dienst des Regimes, so auch Dr. Gottfried Klein, welcher als Bibliothekar an der Handelskammer Hamburg arbeitete. Im Jahr 1941 übernahm er dort die offizielle Leitung, welche er bis zum Jahr 1965 innehatte.8Vgl. Back-Dietrich, Berta: 250 Jahre Commerzbibliothek der Handelskammer Hamburg 1735-1985, Hamburg 1985, S. 114. In den Woldsenweg 5 zog die Familie Klein mit ihren zwei Töchtern im Jahr 1938. Ihr Nachbar Dr. Walter Russ war Richter am Oberlandesgericht in Hamburg. Mit seiner erblindeten Frau Martha, geb. von Minden lebte er schon seit dem Jahr 1934 im 3. Stock des Hauses. Bereits seit Mitte der 1930er Jahre war er als beisitzender Richter in Verfahren nach §175 RStGB an der Verfolgung von Homosexuellen in Hamburg beteiligt.9Recherche zu Dr. Russ in Findmitteln des Staatsarchiv Hamburg. Im Oktober 1936 trat er, zunächst als Reserve-Offizier, der Wehrmacht bei. In Blankenese war er als Sachgebietsleiter des Luftgaukommandos für den Einsatz von Kriegsgefangenen verantwortlich.10Personalakte Dr. Walter Russ, StaHH 241-2_A3230.

Dr. Jur. Edmund Krüß war Landgerichtsdirektor und Vorsitzender des Verwaltungsgerichts Hamburg.11Personalakte Dr. Edmund Krüß Krüss, StaHH 241-2_A 1978.  Seit dem Jahr 1912 lebte er gemeinsam mit seiner Ehefrau Margarethe, geb. Hennicke und ihrer gemeinsamen Tochter im Haus. Die Etage teilte er sich mit dem kinderlosen Ehepaar Heyer. Friedrich Heyer war als Verlagsvertreter tätig. In der Wohnung unterm Dach lebte der Hauswart Rudolf Kallmeyer mit seiner Ehefrau Ida, geb. Starck und ihren vier Kindern. Von Rudolf Kallmeyer ist überliefert, dass er Beziehungen zu den Familien Moser und Jonas pflegte.12Vgl. Caroline Campell, Fragments of my Father, o.J., unveröffentlichtes Manuskript, Privatbesitz.

Während das Leben dieser Mieterschaft zunächst ohne Einschränkungen verlief, zogen seit dem Jahr 1938 immer wieder Untermieter*innen in die Wohnungen der Familien Davidsohn, Moser und Jonas. Unter ihnen war Georg Peters, welcher im Oktober 1938 als „Pfleger” Unterkunft bei der Familie Davidsohn. Er war seit 1936 wegen homosexuellen Handlungen nach §175 RStGB und „Erregung öffentlichen Ärgernisses” wiederholt zu Haftstrafen sowie Einweisungen in „Heil- und Pflegeanstalten” und Versorgungsheimen verurteilt worden.13Im November 1938 wurde Georg Peters erneut verhaftet und in die “Heil- und Pflegeanstalt” Langenhorn eingewiesen. Er verstarb am 6. April 1944 in der “Landesheilanstalt” Weilmünster/ Oberlahnkreis unter unbekannten Umständen, vgl. Stolperstein-Biografie Georg Peters, URL: https://www.stolpersteine-hamburg.de/?MAIN_ID=7&BIO_ID=2601. Seit Herbst 1939 lebten zeitweilig bis zu fünf Untermieter*innen in der Wohnung der Familie Davidsohn.14In der Hausmeldekartei lassen sich seit Herbst 1939 Anna Franziska Cohn, Käthe Rosenberg, Frieda Himmelstern, Herbert Epstein und Adolph Hermann Meyer als Untermieter*innen bei der Familie Favidsohnermitteln, siehe Hausmeldekartei Woldsenweg 5, StaHH 332-8_A51-1. Die Wohnungsbelegung im Haus verdeutlicht, welchen Einfluss die Verdrängung aus dem Wohnraum auf das Zusammenleben der Menschen nahm. Während sich im Jahr 1941 zeitweilig sieben Personen die Wohnung der Familie Davidsohn teilen mussten, bewohnte das Ehepaar Heyer zu zweit eine vergleichbare Fläche Wohnraum.

Die Nachbarschaft nach den Deportationen

Nach den Zwangsumzügen und Deportationen der als jüdisch verfolgten Familien, konnten neue Mieter*innen von den frei gewordenen Wohnungen profitieren. Am 1. September 1942, fünf Monate nach dem Auszug der Familie Davidsohn, bezog das Ehepaar Adolf und Anna-Lisa Rühne mit ihren drei Kindern als Nachmieter die Wohnung. Nachmieter der Familie Moser war der Handelsvertreters Kurt Petersen mit seiner Ehefrau und seinen zwei Kindern.15Ebd. Identisch mit dem Auszugsdatum der Familie Jonas, ist der Einzug von Dr. Rolf Schwarke, seiner Ehefrau Margot, geb. Schäckle und seinen zwei Kindern. Die Familie lebte zuvor an der Eppendorfer Landstraße, nur wenige hundert Meter vom Woldsenweg 5 entfernt.

Dr. Rolf Schwarke war Amtsarzt und lässt sich als gerichtsärztlicher Gutachter in sogenannten §175-Verfahren im Kontext der Verfolgung von Homosexuellen in Hamburg nachweisen.16Vgl. Rosenkranz, Bernard; Bollmann, Ulf; Lorenz, Gottfried; Homosexuellen Verfolgung in Hamburg 1919-1969, Hamburg 2009, S. 59. In die Zuständigkeit der Amtsärzte beim Hauptgesundheitsamt Hamburg fiel auch die Einweisung von Kindern in sogenannte „Kinderfachabteilungen“ in Heil- und Pflegeanstalten im Rahmen des „Euthanasie“-Programms in Hamburg und Norddeutschland.17Vgl. Burlon, Marc: Die „Euthanasie“ von Kindern während des Nationalsozialismus in den zwei Hamburgern Kinderfachabteilungen, unv.Diss., Hamburg 2009, S. 59.

Dr. Rolf Schwarke lebte bis in die 1960er Jahre mit seiner Ehefrau in im Woldsenweg 5. Für seine Tätigkeiten wurde er nie belangt. Der Einzug der neuen Mieter*innen markierte das Ende der bisherigen Nachbarschaft. Die “Volksgemeinschaft” war jetzt unter sich.

Der Woldsenweg 5 verdeutlicht die räumliche Nähe von Verfolgten sowie Profiteur*innen, Täter*innen und Bystander*innen im Nationalsozialismus. Verfolgte und sogenannte Mehrheitsgesellschaft lebten im Woldsenweg jahrelang gemeinsam unter einem Dach. Die Mieterschaft war alteingesessen und gut situiert. Man kannte sich in der Nachbarschaft. Im Alltag dürfte es immer wieder Momente der Begegnung, des Kontakts gegeben haben.  Denunziationen oder gewalttätige Übergriffe sind für den Woldsenweg 5 nicht belegt. Besondere Formen von Hilfeleistungen, Solidarität oder Einstehen für die Verfolgten kann zwar nicht ausgeschlossen werden, sind jedoch nicht überliefert. Die beengten Wohnverhältnisse, die Zwangsmarkierungen der „jüdischen Wohnungen” waren für alle Nachbar*innen im Woldsenweg sichtbar. Wie veränderten diese Gegebenheiten das Verhältnis von Nähe und Distanz, Vertrauen und Misstrauen, Begegnungen und Interaktionen im Alltag? Die Recherchen in Hausmeldekarteien und weiteren Quellenbeständen geben Aufschluss über Namen und beruflicher Verortung der Nachbarschaft. Die Mitmenschen, welche in räumlicher Nähe zu den Verfolgten lebten, erhalten dadurch Namen und Gesichter. Dies betrifft auch diejenige Mieter*innenschaft, welche von dem frei gewordenen Wohnraum und den Versteigerungen aus Besitz der Vertriebenen profitierte. Die Muster von Verfolgung und Verdrängung im Nationalsozialismus in Hamburg sind breit erforscht. Die Nachbarschaftsforschung ermöglicht eine Erweiterung der Perspektive für Fragen von wechselseitigen Beziehungen sowie Handlungsspielräumen und brechen dabei mit einem Bild von Nachbarschaft, welches nur allzu oft als eine neutrale und politisch unberührten Notgemeinschaft im kollektiven Gedächtnis stilisiert wird.18Heute erinnern im Woldsenweg Stolpersteine an Dr. Alberto und Dr. Marie Jonas, Ella und Walter Davidsohn, Marie Therese und Bernard Moser, Fritz und Cloë Neuburger, Ruth Neuhaus und Georg Peters.

Fußnoten[+]